Die 68er


In seiner Ansprache zur Verabschiedung der Abiturienten am 15.6.68 sprach der Schulleiter Dr. Gudelius von "...der politischen Heimatlosigkeit der Jugend, die in den bestehenden Parteien keinen Raum zur Betätigung finde....". Weiter legte er Wert darauf, daß "...die jetzigen Abiturienten des Woeste-Gymnasiums in Hemer sich nicht an den Aktionen der außerparlamentarischen Opposition beteiligt hätten und daß sie überhaupt eine "relativ ruhige" Schule verließen, an der es auch künftig wenig derartigen Konfliktstoff geben werde." Dr. Gudelius ermahnte, "....nicht die Anschauungen der Demonstrierenden auf der Straße zu teilen, sondern Kultur und Wissen, Pflichtbewußtsein und Verständigung in den Herzen zu tragen...".

Was waren die Unruhen, die Demonstrationen?

In Berlin gärte es bereits seit Ende 1966. Einen ersten Höhepunkt nahmen die Ausschreitungen beim Besuch des persischen Schahs im Juni 1967. Der Student Benno Ohnesorg kam bei den Auseinandersetzungen mit der Berliner Polizei ums Leben. Tagelang wütende Proteste und Straßenschlachten waren die Folge.

Die Unzufriedenheit der vorwiegend studentischen Jugend war groß. Im folgenden werden eine Reihe von Zuständen und Entwicklungen aufgezeigt, die die Entstehung der "Außerparlamentarischen Opposition" (APO) begünstigt haben.

Die hegemonistische Vormachtstellung und der damit verbundene Vietnamkrieg, der eine von Frankreich hinterlassene katholische Clique unter Diem in Vietnam stützen sollte, war einer der Auslöser weltweiter Jugendproteste. Diem war schon lange nicht mehr an der Macht, als "Vietnam expandierte" und unter Präsident Lyndon B. Johnson der USA entglitt. Nie zuvor hatte eine Krieg außerhalb der territorialen Grenzen der USA soviel Opfer verursacht als in Vietnam. Mit der begrenzten Operation gegen einen vermeintlichen Zwerg holte sich die Weltmacht eine blutige Nase. Und nicht nur das, sie verfiel in eine tiefe Identitätskrise. Tausende junger Amerikaner verweigerten den Wehrdienst oder drückten sich mehr oder weniger elegant davor, wie der derzeitige US-Präsident.

Die Protestbewegungen, die in den Staaten aufkamen, schlugen über auf die bis dahin USA-freundliche, teils sogar amerika-euphorische Jugend. Von Kennedy hatte man sich zu einem Aufbruch zu neuen Ufern berauschen lassen. Der Texaner Johnson aber glich dem Saubermann und Ober-Sheriff John Wayne zu sehr, als daß man sich Hoffnungen für eine Beendigung des Kalten Kriegs machte. Die USA wurden fast über Nacht zum großen Bösewicht abgestempelt.

Die andere Seite, die bisher verteufelten Kommunisten, wurden wieder entdeckt. Nicht die revanchistische Clique im Kreml, auch nicht die kulturrevolutionären Chinesen um Mao, nein kommunistische Märtyrer wie Trotzki oder unverbrauchte Revoluzzer wie Che Guevarra waren die Kings. David gegen Goliath.

Alte Nazis in Staat, Justiz, Beamtentum, Schulen und auch in der 1956 gegründeten Bundeswehr wurden nicht belangt, im Gegenteil sie stiegen turnusmäßig gemäß Beamtenrecht auf.

Die deutsche innenpolitische Lage: Große Koalition, politisch blaß, aber verdammt effektiv. Das roch, pardon, es stank gewaltig! Die Rolle des damaligen Bundeskanzlers Erich Kiesinger im Dritten Reich wurde erfolgreich nie aufgeklärt. Brandt durfte als Außenminister schon mal auf Probe "scheinen". Wieder aufgegangen war der Stern des 1963 in der HS30/Spiegel-Affäre verblaßten F.J.S. Dieser glänzte dazu noch im Zusammenwirken mit dem professoralen SPDler Karl Schiller als "Plisch und Plum" mit erfolgreicher Wirtschaftspolitik. Die gesellschaftliche Verkrustung nach der langen Adenauer-Ära wurde durch die Große Koalition, nur verschoben, aber nicht aufgebrochen.

Aus der Einschätzung der politischen Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland kamen verschiedene Gruppen zu der ‘Erkenntnis’, daß demokratische Aufgaben von den bestehenden Parteien in den Parlamenten nur noch selten wahrgenommen wurden und daß es neuer politischer Betätigungsfelder außerhalb der Parlamente bedurfte.

Ach ja, da war noch etwas: die Notstandsgesetze.... Im Prinzip gab es und gibt es noch heute derartige Bestimmungen in allen unseren Nachbarländern, auch in den damaligen Vorbildern von "Westlicher Demokratie". Warum also diese Aufregung: Der mögliche Wiedereintritt in einen von der "Kriegsmaschinerie" dirigierten Staat war Grund der nicht nur jugendlichen Übelkeit.

Aber auch die Musikszene war seit Mitte der 60er Jahre in Bewegung geraten. Viele der musikalischen US-Protestgrößen, wie Bob Dylan hätten nicht wirken können, wäre nicht der legendäre US-Komunistenjäger McKarthy spätestens 1964 in seinem Hundestall einer amerikanischen Farm des mittleren Westens an Kette genommen worden.

Das größte wirtschaftliche Desaster für die von Hollywood gepflegte und wirtschaftlich vortrefflich genutzte "Frank-Sinatra-Musik-Ära" waren die Beatles und das, was man im folgenden englische Popmusic nannte: Rolling Stones, Yardbirds, Hollies, The Who .... Vorbei war zumindest vorübergehend das Derivat der Spät-Bigband-Barden. Elvis war durch die Beatles abgelöst, Europa war nicht mehr dominiert durch die Vereinigten Staaten von Amerika.

In Deutschland kamen, zumindest in der Musikszene, diese Entwicklungen erst mit gewaltiger Verspätung an. Die offiziellen Musikproduzenten bemühten sich gewaltig, die Originaltitel, gesungen von den Originalbands, jedoch in teutonischer Sprache auf den Markt zu bringen (Sie liebt Dich, Yeah, Yeah.....). Getreu dem Motto: Nachmachen ist besser als gar nichts. Dies konnte allenfalls die der englischen Sprache nicht mächtigen Zeitgenossen begeistern.

Der deutsche Film produzierte Ende der 60er Jahre nur noch stumpfsinnig-blöden Klamauk.

Die englische Popmusik schlug eine schwere Bresche in das bis dato vorherrschende Bigband-Sinatra-Elvis-Kartell.

Unter den Talaren Mief von tausend JahrenDoch wieder zurück zur eher politischen Bewegung. Ab Mitte 1967 formten sich heterogene Gruppen zusammen zur APO. Kernzellen der "Bewegung" waren in Berlin, München und Frankfurt. Fast an jeder deutschen Uni beherrschte der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) alle studentische Gremien, vielfach auch durch endlose Tagesordnungsdebatten. Es wurden wilde Sprüche gekloppt, neue Formen des politischen Aktionismus wurden erprobt, wie »Sit-In«, »Teach-In«, »Love-In«, ... Das bis dato sehr traditionsverhaftete universitäre Leben wurde ebenso angeprangert wie die herrschenden Moralvorstellungen. Das Bild vom Einzug der Magnifizenz und der Ordinarien, jeweils in prunkvollem Ornat, am Dies Academicus in den Audimax der Universität Hamburg ist vielen in Erinnerung geblieben: vor diesen Honoratioren wurde plötzlich ein Spruchband mit folgender Aufschrift ausgerollt :»Unter den Talaren Muff von tausend Jahren«. Einer der Träger des Spruchbandes, Detlev Albers, ist heute selbst Ordinarius für Politologie an der Universität Bremen und SPD-Landesvorsitzender in Bremen. Sein damaliger Mitdemonstrant war Gert Hinnerk Behlme.

Daneben gewann die Antiautoritäre Bewegung an die Bedeutung. Im Brennpunkt der Kritik standen die gängigen Moralvorstellungen von Liebe, Ehe und Treue. Unterstützt durch die Existenz der Pille rollt die Welle der sexuellen "Befreiung" durch die Lande. Es entstanden Kommunen wie die "legendäre" Berliner Kommune Nr. 1. mit Rainer Langhans, Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann, Uschi Obermaier u. a. Provokative Sprüche machte die Runde: "Wer zweimal mit der gleichen pennt, der gehört zum Establishment."

Rudi Dutschke, Daniel Cohn-Bendit, Christian Ströbele, Udo Knapp, Karl Dietrich Wolff,.... waren Größen der politischen Bewegung der APO. Vor allem die charismatische Leitfigur Rudi Dutschke geriet mehr und mehr in das Kreuzfeuer der bürgerlichen und rechten Presse. Seit dem Sommer 1967 forderte die Springer-Presse die Berliner Bevölkerung ziemlich unverblümt zur Gewalttätigkeit gegenüber den zahlreicher werdenden Anhängern der APO auf. Vor allem Rudi Dutschke geriet dabei mehr und mehr ins Visier der Menschenjäger.

Mitte Februar 1968 verschärften sich die Presse-Angriffe noch einmal. Zum Auftakt eines von Dutschke mitinspirierten Vietnamkongresses titelte Bild "Stoppt den Terror der Jungroten jetzt!" und erklärte: "Man darf nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei überlassen." Die Empfehlung wurde beherzigt. Am Gründonnerstag, den 11. April 1968 lauerte an der Ecke Kurfürstendamm und Joachim-Friedrich-Straße der junge Arbeiter Josef Bachmann, eine National- und Soldatenzeitung mit der von Bild übernommenen Parole "Stoppt Dutschke jetzt!" neben sich, eine Pistole in der Handtasche, Dutschke auf. Als er Dutschke sah, fragte er: "Sind Sie Rudi Dutschke?", auf das "Ja" von Dutschke schoß er dreimal. Dutschke überlebte schwerverletzt, starb jedoch 1979 an den Spätfolgen des Attentats.

Innerhalb weniger Stunden kam es auf die Nachricht vom Attentat auf Rudi Dutschke hin zu Protesten und Ausschreitungen in allen großen Städten der Bundesrepublik, so auch in München. Am 12. und 13. April versuchten Gruppen von je 300 bis 400 Demonstranten vergeblich, die Auslieferung der Bild-Zeitung zu verhindern. Am 15. April - es war der Ostermontag - folgte der Ostermarsch. Nach seinem Abschluß strömten in München ca. tausend Teilnehmer in die Schelling- und Theresienstraße und belagerten das Münchenr Springer-Haus.

Es kam zu schweren Ausschreitungen, bei denen zwei Menschen starben: der Photoreporter Klaus Frings, getroffen von einem Stein, und der Student Rüdiger Schreck, der von einer Holzbohle getroffen der nach einer Operation verschied.

In den frühen 70er Jahren verschwand die APO rasch von der politischen Aktionsfläche. Viele der heute politisch und gesellschaftlich aktiven Gruppen leiten ihre Ursprünge aus der Bewegung "Außerparlamentarische Opposition" ab, beispielsweise die Frauenbewegung, Die Grünen, die Schwulen und Lesben ....

Geblieben ist als Folge der 68er Bewegung unbestritten die nachhaltige Veränderung von gesellschaftspolitischen Grundverständnissen. Die hastig in die Bundesrepublik hinübergeretteten Ideale der nachkaiserlichen Frühdemokraten wurden abgelöst durch basisdemokratische Vorstellungen.

Viele der heutigen Politiker der Grünen, aber auch der SPD, haben eine APO-Vergangenheit. Udo Knapp, der letzte Vorsitzende des SDS, ist inzwischen SPD-Kommunalpolitiker auf Rügen. Cohn-Bendit, Mitorganisator der großen 68er Studentenrevolte in Frankreich, ist heute Stadtrat in Frankfurt/Main, Ehrendoktor der Katholischen Universität Brabant in den Niederlanden und Abgeordneter der Grünen im Europäischen Parlament. Joschka Fischer, der Straßenkämpfer und Oberagitator in Frankfurt ist Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. Langhals, Teufel und Konsorten aber sind abgedriftet in das Wunderland des ewigen Happenings.

H. B.


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Stand/last updated:   01. Juni 2005

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