| Eine Rundfahrt über fünf Pässe rund um das Gotthardmassiv in 4 Tagesetappen über 276 km. Tagesetappen zwischen 33 und 103 Kilometern. | |
| 1. Tag 2. Tag 3. Tag 4. Tag | |
|
Streckenabschnitt |
Meeres- |
Entfernung |
Tages- |
Gesamt- |
|---|---|---|---|---|
|
Disentis - Curaglia |
1160 |
5,2 |
5,2 |
5,2 |
|
Airolo - Fontana |
1175 |
5,1 |
5,1 |
108,0 |
|
Innertkirchen - Wyler |
625 |
1,7 |
1,7 |
187,7 |
| Andermatt
- Schöni Schöni - Oberalppass (CH-GR-2044c ) Oberalppass - Tschamut Tschamut - Rueras Rueras - Sedrun Sedrun - Disentis (4. Tagesetappe) |
1445 |
6,6 |
6,6 |
249,8 |
Zeitraum
Die Radtour wurde vom 19. bis 22. Juni 2003 bei sehr schönem Wetter durchgeführt.
Teilnehmer:
Hubert Becker
Allgemeine Hinweise
Jeder Teilnehmer ist für sein Gepäck selbst verantwortlich. Der Umfang des auf dem Rad mitzunehmenden Gepäcks sollte sich nach dem Stauraum und dem Tragevermögen jedes Teilnehmers bzw. Fahrrades richten. Grundsätzlich kann jeder mitnehmen, was er/sie für wichtig und richtig hält. Die technische Überprüfung des Radmaterials vor der Tour ist dringend angeraten. Der Umfang an Ersatzteilen und an Werkzeug sollte zwischen den Teilnehmern mit dem Ziel ausreichender Umfang und Vermeidung von Redundanzen abgesprochen werden.
Überblick
Diese Radtour ist keine Spazierfahrt, ca. 6700 Höhenmeter sind auf 278 Kilometern zu absolvieren! Ausreichendes Training und Kondition sind für einen unproblematischen Tourenverlauf notwendige Voraussetzung. Aus gegebenem Anlaß wird darauf hingewiesen, dass die beschriebene Tour ist.
Empfohlenes Kartenmaterial: Die Generalkarte Schweiz östlicher Teil (1:200.000) vom Mair-Dumont-Verlag , die Generalkarte Schweiz westlicher Teil (1:200.000) vom Mair-Dumont-Verlag, Michelin-Strassenkarte Schweiz Süd-Ost (Nr. 553): Vierwaldstätter See, Graubünden, Tessin (1:200.000) .
Anreise (18.06.2003)
Die Anreise nach Disentis erfolgte mit dem eigenen Pkw von München über Lindau, Bregenz und Chur. Die Entfernung von München nach Disentis beträgt 338 Kilometer, mit rund vier Stunden Fahrzeit ist zu rechnen.
Der Wintersportort Disentis/Mustér (deutsch Disentis, rätoromanisch Mustér) im Kanton Graubünden liegt an der Ostrampe der Oberalpbahn nach Andermatt. Der Name Disentis leitet sich von "Desertina" (Einöde) ab. Der Mönch Sigisbert gründete Anfang des 7. Jahrhunderts eine Zelle in der "Desertina". Rund hundert Jahre später errichtete Bischof Ursicin über den Grabstätten der Heiligen Sigisbert und Placidus ein Kloster nach den Regeln des Heiligen Benedikt. Später war die Hauptfunktion des Klosters die "Hütern des Lukmanierpasses", über den die deutschen Kaiser in ihre italienischen Reichsgebiete reisten. Die Disentiser Äbte wurden Reichsfürsten, sie wirkten dann bei der Gründung des Grauen Bundes und des Kantons Graubünden mit, was ihnen dann ihre Vormachtstellung kostete. Das Kloster blieb jedoch kultureller Mittelpunkt von Graubünden. Die jetzige barocke Klosteranlage entstand Ende des 17. Jahrhunderts.
Im Hotel Alpsu finde ich Unterkunft, auf den Parkplätzen gegenüber des Hotels kann ich auch für die kommenden Tage das Auto abstellen. Am Abend genehmige ich mir Züricher Geschnetzeltes mit Rösti, dazu einen "Kübel" Bier. Als Kübel wird in der deutschsprachigen Schweiz ein Bierbehälter mit 0,5 Litern Inhalt bezeichnet, eine Stange mißt 0,2 oder auch 0,3 Liter.
Beschreibung der Tour
Heute steht der Lukmanierpass (italienisch: Passo del Lucomagno)
auf dem Programm. Ein paar Meter geht es zunächst bergab bis zur Brücke
über den Vorderrhein, dann beginnt der Anstieg zum Pass. (Anm.: In diesem
Reisebericht wird das Wort Pass stets mit zwei "s" geschrieben, um
zu dokumentieren, dass wir nach der deutschsprachigen Rechtschreibreform den
Schweizern das doppelte "s" verdanken, weil sie auf schweizerischen
Tastatur über kein "ß" verfügen.) Zwei kurze und ein
etwas längerer unbeleuchteter Tunnel folgen bald. In einem der Tunnel greift
mich ein Mauersegler an, er stürzt sich mehrfach auf mich herunter und
hackt mir auf den Helm, er hat wohl Angst um seine Brut.
Die Straße steigt steil an, sowie man das Dorf Curaglia passiert hat, wird die Straße wieder flacher und steigt schnurgerade durch das Val Medel nach oben und führt zur eigentlichen Passhöhe, diese liegt neben dem Bergsee Lai dassSontga Maria auf 1972 m ü. M. in einer Galerie nördlich des Passes. 1964 bis 1968 wurde der Stausee angelegt und die Straße musste wie Hospiz und Kapelle dem Stausee weichen und wurde nach oben verlegt. Die Trasse des Gotthard-Basistunnel verläuft in unmittelbarer Nähe des Sees, aus Sicherheitsgründen wird die Talsperre mit Sensoren überwacht werden. Ein Bruch der Staumauer könnte eine immense Flutwellen im Vorderrheintal erzeugen. Das Passschild des Lukmanierpasses befindet sich beim neuen Ospizio del Lucomagno auf 1914 m Höhe.
Nach
kurzem Aufenthalt auf der Passhöhe beginne ich die Abfahrt ins Tessin
(italienisch: Ticino). Ungefähr drei Kilometer unterhalb der Passhöhe
führt die Straße durch einen schönen Abschnitt in einer offenen Hochebene
mit Bademöglichkeiten im Fluß und Picknickplätzen. Bei dem schönen Wetter
haben sich bereits viele Menschen hier eingefunden. Die Ortsdurchfahrten von
Lavorceno und Olivone sind kurvenreich. In Aquila steht
direkt neben der Straße die Kirche San Vittore Mauro, zwischen 1728 und
1730 neu gebaut, der Glockenturm steht isoliert auf der Nordseite der Kirche
und ist vermutlich früheren Ursprungs. Die Kirche weist ein einziges Schiff
mit Tonnengewölbe auf, die Fresken an der Fassade sind von Carlo Biucchi (1732).
Von Aquila nach Comprovasco kann man die alte Lukmanierstraße
benutzen, die nur von innerörtlichem Verkehr benutzt wird. Diese Variante
ist um einiges kurchenreicher und zum Teil sehr steil. Bei Motto kann
man noch einmal auf die alte Straße ausweichen. Erst kurz vor Biasca
kommt man wieder auf die Lukmanierstraße.
Biasca liegt auf nur 300 m Meereshöhe, es ist schon mächtig heiß heute. Bevor ich den langen Anstieg nach Airolo angehe, mach ich erst einmal Mittag. Das Ristorante ist gut besucht, so dass es etwas dauert mit der Bedienung. Nach einer Stunde bin ich dann fertig mit dem Mittagessen und habe endlich auch bezahlt.
Von
Biasca verläuft auf der Nationalstraße 2 die Veloroute Nr.
3, die sog Nord-Süd-Route von Basel nach Chiasso. Bei Bodio
steht (oder stand in 2003) ein irrführender Wegweiser, der den Radler direkt
in die Baustelle des Gotthard-Basistunnels leitet. Vor dem Tunnelportal
stoppe ich, ich muss jetzt wieder ca. 700 Meter zurückfahren. Der Anstieg
in Richtung Airolo ist ungleichmäßig, ein Wechsel aus flacheren
und steileren Abschnitten. Abschnittsweise kann kann man die stark befahrene
Nationalstraße 2 verlassen und auf kleinen Wegen parallel zu ihr fahren.
Das Valle Leventina, so wird das Tal des Ticino hier genannt, hat ein erhebliches Verkehrsaufkommen zu verkraften: die Nationalstraße, die Autobahn und die Eisenbahn der Gotthardstrecke. Zwischen Faido und Rodi sind dann viele Schleifen- und Spiraltunnel zur Steigungsbewältigung für die Züge angelegt. Die Gotthardbahn wurde 1882 eröffnet, der Gotthard-Scheiteltunnel war seinerzeit mit 15 km Länge der längste Tunnel der Welt. Die Gotthardbahn ist zur Zeit noch die kürzeste Verbindung zwischen den Bahnnetzen im Nordwesten Europas und in Italien, ca. 2017 soll der Basistunnel als künftig längster Tunnel der Welt in Betrieb genommen werden.
Die
Autobahn verläuft auf hohen Brücken und Hangstrecken hoch ober über
dem Talgrund. Meter um Meter kämpfe ich mich hinauf nach Airolo,
die Außentemperatur liegt auch auf 1000 Meter Höhe noch über
25° C. In Airolo liegen dann Nationalstraße, Autobahn und Eisenbahn
auf gleicher Höhe. In Airolo befinden sich einige Dienstleistungsbetriebe
für den Eisenbahn- und Strassenverkehr, wie Straßenmeisterei, Bahnhof
etc.
Airolo liegt am südlichen Fuss des Gotthardpasses, hier liegen die südlichen Portale des Esenbahn- und des Autobahntunnels. Westlich von Airolo erstreckt sich das Bedrettotal, von dem man über den Nufenenpass in den benachbarten Kanton Wallis gelangt, hierzu morgen mehr.
Im Hotel Motta, in der Nähe des Bahnhofs, komme ich unter. Nach der Dusche mache ich einen Rundgang durch den Ort. Besonders Erwähnenswertes habe ich nicht entdecken können. Bei einem Bier mache ich Notizen über den Tagesverlauf und schaue mir das Programm des Folgetages genauer an, es wird noch anstrengender werden als heute. Am Bahnhof kaufe ich mir eine Tageszeitung, die ich dann ausgiebig lese.
Das Hotel verfügt über kein eigenes Restaurant, so muss ich mich umschauen, wo ich Abendessen will. Neben dem Hotel ist ein Ristorante-Pizzeria mit Terrasse, auf der man im Freien speisen kann. Die Terrasse ist fast vollständig besetzt, die Pizza ist gut.
Die Tagesstatistik verzeichnet 103 Kilometer, 1685 Höhenmeter, bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 18,4 km/h.
Im Hotelzimmer schaue ich mir im Fernsehen die Nachrichten an und erfahre,
dass morgen die Tour de Suisse über den Nufenenpass fahren wird
und zwar mir entgegenkommend. Das heißt, dass ich früh losfahren
muss, um den Pass noch vor seiner Sperrung für den allgemeinen Verkehr
passiert zu haben.
2. Tag (Tabelle)
(Seitenanfang)
20.06.2003
Der
Nufenenpass (italienisch: Passo della Novena) ist mit 2478 m ü.
M. die höchstgelegene Passstrasse, die komplett innerhalb der Schweiz liegt,
und verbindet den Kanton Tessin mit dem Kanton Wallis. Diese erst
1964 gebaute Passstrasse führt von Airolo nach Ulrichen.
Um 08:15 Uhr starte ich in Richtung Bedretto, die Steigung bis hierher hält sich in Grenzen und ich komme gut voran. Es folgen die ersten Kehren und es wird merklich steiler. Ich bin ziemlich allein auf der Straße , nur ein paar Rennradfahrer überholen mich. Man merkt, dass der motorisierte Verkehr die Passstrasse wegen der heutigen Tagesetappe der Tour de Suisse meidet. Nach 3 Stunden 15 Minuten bin ich oben auf der Passhöhe.
Hier
sind schon viele Zuschauer eingetroffen, die diese Bergankunft der Profis miterleben
wollen. Ich halte mich nur kurz auf, um später nicht vom Peloton aufgehalten
zu werden. An den Straßenrändern der Nordwestrampe stehen viel Pkw
und Wohnmobile. Die Straße ist gesäumt mit Zuschauern, manche rufen
mir zu: "Falsche Richtung!" Diese Rampe ist bedeutend steiler und
kurvenreicher als die Ostseite, zwischen der Passhöhe und Ladstafel
folgen kurz aufeinander zehn Kehren. Nach 45 Minuten erreiche ich Ulrichen.
Auf der Terrasse eines an der Einmündung der Nufenen- in die Furkastraße gelegenen Restaurant nehme ich zum Mittagessen Platz. Vor hier kann ich gut die Vorbeifahrt des Pelotons beobachten. Über Lautsprecher erfährt man von aktuellen Stand der Etappe. In Visp gestartet, geht es bis Ulrichen das Oberwallis hinauf, es folgt der Nufenenpass. Etappenziel ist Losone bei Locarno im Tessin. Die Stimme im Lautsprecher meldet, dass es zwei Ausreißer gibt, die einige Minuten Vorsprung vor dem Hauptfeld haben. Als das Peloton Ulrichen erreicht, sind die Ausreißer bereits wieder gestellt. Mit hohem Tempo rauschen die Fahrer vorbei, nach ein paar Sekunden sieht man sie nur noch von hinten. Es folgen noch die Materialwagen und dann ist der Spuk zu Ende.
Ich
mache mich an den Aufstieg zum zweiten Pass des Tages, dem Grimselpass.
Bis Oberwald ist es recht flach, aber der kräftige Gegenwind macht
zu schaffen. Ich erreiche kurz nach Ulrichen einen zweiten Reiseradler,
wir wechseln uns ab mit dem Windschatten fahren. Das klappt ganz gut, ein richtiges
Gespräch kommt nicht zustande, weil es an Atemluft fehlt. An einem längeren
Tunnel zwischen Obergesteln und Unterwassern können wir auf
einem kleinen Weg vorbeifahren. Hinter Oberwald wird es deutlich steiler,
wir durchfahren die ersten Kehren. Das Tal wird enger, unter uns tost der junge
Rotten (Rhône) talabwärts. Zu zweit bewältigen
wir den ersten steileren Anstieg bis Gletsch. Dann trennen sich unsere
Wege. Mein Begleiter will über den Furkapass nach Andermatt
fahren.
Ich biege nach links in die Grimselstraße ein. Der Grimselpass ist ein uralter Übergang, der schon von den Römern und Kelten begangen wurde. Sogleich beginnt eine steile Kehrentreppe, die Steigung beträgt im Mittel knapp neun Prozent, nach sechs Kehren ist man fast auf der Passhöhe, die sich über einen Kilometer entlang des Totensees erstreckt. Auf der südliche Seite der Passhöhe gibt es einen kleinen Alpenzoo, in dem sich Murmeltieren und andere Gebirgsbewohner tummelt. Auf der nördwestlichen Seite stehen ein paar Hotels und Andenkenläden.
Für
die etwa 25 Kilometer lange Abfahrt bis Innertkirchen streife ich mir
eine Windjacke über. Diese Abfahrt führt an zwei weiteren Stausseen
vorbei und durch die zu den schönsten zu den Alpen gehörenden Landschaften,
im Westen die Gletscher des Berner Oberlandes und des Wallis,
im Osten Diechterhorn und Trifigletscher. Die hier noch junge
Aare wird im wesentlichen durch Ober- und Unteraargletscher gespeist.
Bis Guttannen schaukelt man durch elf Kehren. Auch auf den letzten sieben
Kilometern bis bis Innertkirchen nimmt das Gefälle nicht wirklich
merkbar ab.
In Innertkirchen liegt direkt an der Einmündung zur Sustenstraße der Gasthof/Hotel " Hof und Post". Das Haus lädt zum Verbleiben ein. Ein Zimmer ist frei, mein Fahrrad kann ich im Festsaal abstellen, so groß ist es zwar nicht, aber ist ein sicherer Platz, die Tür wird abgesperrt.
Das
Zimmer ist o.k. Auf dem Platz vor dem Hotel brummt der Bär. Frisch geduscht
gehe ich nach unten. Ein einzelner Tisch ist nicht mehr frei, aber die Tische
in der Größe von bayerischen Biergartentischen ermutigen mich zu
fragen, ob ich mich an einen Tisch hinzusetzen kann. Kein Problem. Während
ich mein Abendessen verspeise, werde ich angesprochen, ob ich mir das Essen
wohl leisten könne. Auf meinen erstaunten Augenaufschlag hin, wird mir
bedeutet, dass man mich mit dem Fahrrad hat ankommen sehen. Ein Auto könne
ich mir offensichtlich nicht leisten. So eine Meinung ist mir 1991 zum letzten
Mal in der damals seit kurzem Ex-DDR untergekommen. Diese Landsleute
ließen keinen Dialekt aus den "neuen" Bundesländern erkennen,
sie kamen aus dem Kohlenpott. Man erzählte mir, mit welcher Prachtkutsche
man hier sei und dass man sich das Haus - für die Schweiz moderater
Rahmen - leisten könne. Mein Hinweis, dass mein Auto in Disentis
stehe, fruchtete nichts. Dieses Paar konnte sich einfach nicht vorstellen, dass
man mit dem Fahrrad über Pässe fährt.
Zwei Frauen aus Bern am gleichen Tisch stehen mir schließlich zur Seite, eine von ihnen betreibt ein Hotel in Bern, und sie erzählen, dass die Schweiz ein Veloland sei und dass viele Leute mit dem Fahrrad in unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen unterwegs seien. Die deutschen Landsleute waren hiervon unbeeindruckt und vertraten weiterhin die Meinung, dass, wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, irgendwie minderbemittelt sei. Ist ist ein langer vergnüglicher Abend im Streitgespräch, das nicht immer ernst zu nehmen ist.
Ein lauer Sommerabend im Zentrum der Schweiz geht zu Ende, dass wir uns alle vertragen, obgleich wir nie wirklich zerstritten waren, macht den Ausklang versöhnlich. Es ist Zeit angesichts des Programms am Folgetag, zu Bett zu gehen.
Die Tagesstatistik : 83,1 Kilometer, 2206 Höhenmeter, Durchschnittsgeschwindigkeit von 14,5 km/h.
3. Tag (Tabelle) (Seitenanfang) 21.06.2003
Heute
abend will ich wieder in Disentis sein, 90 Kilometer und 2700 Höhenmeter
liegen vor mir. Gleich am Hotel beginnt der Aufstieg zum Sustenpass,
keine Gelegenheit zum Einfahren. Die ersten 1,5 Kilometer sind steil, ca. neun
Prozent, dann flacht die Steigung merklich ab. Der Sustenpass ist einer
der neueren Pässe in der Schweiz, er verbindet die Kantone Uri
und Bern und wurde zwischen 1938 und 1945 erbaut. Er dient vorwiegend
touristischen Zwecken. Nur mäßig steigt die Sustenstraße durch
das Gadmental mit seinen Wiesen und Weilern. In Gadmen genehmige erst
einmal ein Erfrischungsgetränk.
Zwei Kilometer hinter Gadmen wird es dann steiler, jedoch selten mehr als 9 %. Die Landschaft wechselt ins Hochalpine, die Straße windet sich in vielen Kurven, Kehren und Tunnels durch den Wald, dann kommt die Baumgrenze und der Blick fällt auf den Steingletscher, überragt vom Sustenhorn und dem Gwächtenhorn. Der Blick zurück ins Tal ist jetzt verstellt, in der viertletzten Kehre vor der Passhöhe liegt das Hotel Steingletscher, ich kehre hier zum Mittagessen ein. Beim Essen genieße ich die Aussicht auf den Gletscher und die umliegenden Berggipfel. Die Westauffahrt zum Sustenpass ist eine der schönsten Passfahrten in den Schweizer Alpen.
Jetzt
kommt der Schlußspurt zum Pass, der allerdings noch fünf Kilometer
entfernt ist. Am Straßenrand liegen vermehrt Schneereste, die Schneeflecken
sind teilweise noch bis zu 1,5 Meter hoch. Nach der ersten Kehre nach dem Hotel
wird die 2000-Meter-Marke überwunden. Drei Kilometer zieht sich jetzt die
Sustenstraße am Steilhang entlang, teilweise führt sie durch in den
Felsen geschlagene Tunnels.
Noch zwei Kehren, dann ist die Passhöhe erreicht. Der eigentliche Scheitelpunkt des Passes liegt in einem ca. 300 Meter langen Tunnel. Auf der unspektakulären Passhöhe befindet sich links ein großer Parkplatz, rechts liegt das Sustenpass-Restaurant, etwas weiter oben das Sustenpass-Hospiz. Ungefähr zehn Minuten halte ich mich hier oben auf und genieße die Blicke zurück ins Tal. Die Zeit drängt, es sind noch ca. 60 Kilometer bis Disentis.
Langsam
rolle ich an, mit Licht passiere ich den Tunnel. Es tropft - wie in vielen Tunneln
- von der Decke. Am östlichen Tunnelportal eröffnet sich ein grandioser
Ausblick auf Obersusten und die Guferalp. In zwei Kehren geht
es steil hinunter, an den Felsen über einem in den Stein geschlagenen,
kurzen Tunnel ist das Wappen des Kantons Uri aufgemalt. Dann führt
die Straße ohne nennenswerte Kurven hinunter nach Meien.
Vor Wassen durchfährt man noch eine Lawinengalerie, ein Kehre und einen in einer Kurve gelegenen Tunnel, dann ist man an der Gotthardstraße angelangt, auf der ich neben der parallel zur Autobahn hinauf nach Göschenen fahre. Der Verkehr hält sich bis zum Kreisverkehr, kurz vor Göschenen, in Grenzen.
Das
ändert sich hier schlagartig. Wegen Blockabfertigung im Gotthardtunnel
und den damit verbunden Wartezeiten wählen viele Autofahrer die Alternative
über die Nationalstraße. Auf den ersten Kilometern ist der Verkehr
noch zu ertragen, aber dann verläuft die Straße überwiegend
in Lawinengalerien. Im Abgasgestank der Autokolonnen wahrlich kein Vergnügen.
Teilweise schiebe ich das Fahrrad auf einem schmalen Streifen an der offenen
Seite dei Galerie. Bei Brüggwald kürze ich die Kehren ab und
wuchte das Fahrrad den steilen Hang hinauf. Sehr anstrengend ist das, aber wenigstens
ist die Luft besser.
Noch eine Galerie und dann bin ich an der Teufelsbrücke angelangt Die Teufelsbrücke führt über die Schöllenenschlucht und hat eine lange Geschichte. Um 1220 wurde zunächst die Twärrenbrücke gebaut, ein mit Querbalken und Ketten an der Felswand der Schlucht befestigter Steg. Die erste hölzerne Brücke über die Reuss wurde 1230 errichtet, 1595 wurde sie durch eine massive Steinbrücke ersetzt, die 1888 vom Hochwasser der Reuss zerstört wurde. 1958 wurde in unmittelbarer Nähe der wieder aufgebauten zweiten Brücke die heutige Teufelsbrücke gebaut.
Gleich
hinter der Brücke lädt das gleichnamige Restaurant zum Verweilen ein.
Ich muß mich erst von den Strapazen des Aufstiegs von Göschenen
erholen. Der Wirt sagt mir, ich hätte doch mit der Zahnradbahn eine Alternative
gehabt, diese fährt alle Stunde und nimmt auch Fahrräder mit. Das
nächste Mal!
Ich habe jetzt keine Lust mehr, bis Disentis zu fahren, und beschließe in Andermatt zu übernachten, also alle Zeit der Welt. Der Wirt und ich plaudern noch eine Weile, es ist nicht sehr viel los in seinem Lokal, die Autofahrer fahren genervt vorbei, und die Motorradfahrer sind schon auf dem Trip gen Allemania.
Langsam breche ich auf, es ist keine Eile mehr angesagt, bis ins Zentrum von Andermatt sind es nur noch wenige Kilometer. Eine letzte Galerie und dann ist die Hochebebene von Andermatt erreicht. Im Zentrum des Ortes gibt es ein Vielzahl von Übernachtungsmöglichkeiten, schließlich liegt der Ort an Pässestrecken, die schon einigen Jahrhunderten genutzt werden. Hotel "Schweizerhof" heißt meine Bleibe für die Nacht.
Nachdem ich geduscht habe, mache ich erst einmal eine Runde durch Andermatt. Es ist kühl draußen, die Sonne wird bald hinter Dammastock und Rhônestock verschwinden. In einer kleinen Bar genehmige ich mir ein Bierchen, mit anderen Gästen komme ich recht schnell ins Gespräch.
Im gemütlichen und nostalgischen Speisesaal des Hotels Schweizerhof esse ich zu Abend. Ich gehe früh zu Bett, der Tag war anstrengend.
Die Tagesstatistik: 57 Kilometer, 2141 Höhenmeter und eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 11,6 km/h.
4. Tag (Tabelle) (Seitenanfang) 22.06.2003
Die
neun Kehren hinauf zum Oberalppass liegen in der Morgensonne. Danach
sind die ersten 400 Höhenmeter geschafft. Jetzt zieht die Oberalpstraße
parallel zur Eisenbahn hinauf durch das Tal der Oberalpreuss. Etwa einen
Kilometer vor der Passhöhe muß man eine Lawinenegalerie durchfahren,
dann überquert man noch über eine Brücke die Oberlandbahn und
man ist auf dem Oberalppass.
Auf der Westauffahrt beträgt die durchschnittliche Steigung 5,5 Prozent. Die Ostabfahrt nach Disentis ist mit rund 22 Kilometern fast doppelt so lang, dadurch ist die mittlere Gradiente mit 4,8 Prozent etwas geringer. Unmittelbar westlich der Passhöhe liegt auf 2017 m Höhe der Oberalpsee. Er ist aufgestaut, sein Ausfluß ist die Oberalpreuss.
Südlich
des Oberalppasses liegt der Lai dassTuma (Tomasee), er gilt als
die Quelle des Rheins (Vorderrhein, Rein Anteriur). Der
Abfluss aus dem See heisst Rein da Tuma. Aus diesem und anderen Zuflüssen
wird noch vor Tschamut der Vorderrhein.
Die Ostabfahrt nach Disentis beginnt steil und kurvenreich, dann kurz vor Rueras verflacht sich die Straße. Vor Sedrun gibt es sogar noch einen flachen Gegenanstieg. Südlich der Ortmitte von Sedrun sieht man eine Großbaustelle. Ein rund 800 m tiefen Schacht mit einem Durchmesser von 7 m wurde nach unten vorgetrieben. Der Schacht ist Bestandteil des Zwischenangriffs Sedrun für die Auffahrung des Gotthard-Basistunnels, so dass letzter von vier Seiten aus vorgetriben werden kann.
Auf den letzten 8,5 Kilometer hinunter nach Disentis muss ich bei dem geringen Gefälle noch etwas in die Pedale treten, um die Fahrgeschwindigkeit nicht unter 30 km/h fallen zu lassen. Nach ein paar Minuten rolle ich in Disentis ein. Schnell ist das Fahrrad und das Gepäck im Auto verstaut und ich mach mich auf den Weg nach München.
Die Tagesstatistik: 33 Kilometer, 601 Höhenmeter und eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 16,7 km/h.
Zunächst folge ich der Nationalstraße 19 bis Illanz. Hier wechsle ich auf die andere Seite des Vorderrheins und fahre auf eine kleinen, schmalen Straße über Castrisch und Valendas hinauf nach Versam. Ab hier wird es besonderes eng und kurvenreich. Das wäre auch mal eine Straße zum Biken. In der Nähe von Bonaduz liegt der Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein. Jetzt folge ich der Nationalstraße 13 bis nach Thusis, hier biege ich nach links in Richtung Tiefencastel ab. Ich will den Albulapass erkunden, der auf einer späteren Radtour mit dem Fahrrad befahren werden soll. In Bergün werde ich von der Polizei angehalten. Das Peloton der Tour de Suisse soll in ca. einer halben Stunde den Albulapass herunterkommen. Ich fahre auf den Parkplatz eines Restaurants, in dem ich zu Mittag esse. Von der Terrasse kann ich gut die Straße einsehen. Ähnlich wie zwei Tage zuvor in Ulrichen rauschen die Rennfahrer vorbei, nach ein paar Sekunden ist alles vorbei.
Ich überquere den Albulapass und fahre weiter das Engadin talauswärts. Kurz vor der Grenze zu Österreich, in Vinadi, fahre ich zum Tanken hinauf bis zur ersten Tankstelle im Samnaun. Im zollfreien Gebiet Samnaun ist das Benzin nur etwa halb so teuer wie in Deutschland. Es wird vollgetankt. Später in Prutz komme ich auf den Gedanken, über die Piller Höhe zu fahren, die ich 15 Jahre zuvor schon einmal mit dem Fahrrad überquert hatte. Von hier oben hat man einen phantastischen Blick über das Inntal.
Als ich das Auto wieder starten wollte, tut der Anlasser keinen Mucks. Glücklicherweise steht das Fahrzeug so, dass ich es anrollen lassen kann. Spätere Versuche mit dem Anlasser waren jeweils erfolglos. Ich rufe Zuhause an. Wenn ich später in München bin, wird meine Frau das Gepäck bei laufendem Motor entgegennehmen und ich fahre weiter zur Vertragswerkstatt, wo ich das Auto abstelle. Die Werkstadt verfügt über eine Reparaturannahme außerhalb der Geschaftszeiten. Man füllt ein Formblatt mit dem Befund und Kontaktnummer aus und wirft das zusammen mit dem Autoschlüssel in einen Briefkasten. Mit dem Fahrrad fahre ich nach Hause. Am nächsten Morgen, Kurz nach 8 Uhr ruft mich ein Kundendienstmeister an sagt mir, dass der Fehler behoben sei. Die Batterie hatte sich aus der Befestigung gelöst, ist nach vorne gekippt und dabei hat sich einer der beiden Kabel gelöst. Nichts schlimmes also. Ich hatte einige Tage vor dem Termin der Radtour bei einer Tankstelle eine neue Batterie gekauft. Offensichtlich war das Personal dort nicht in der Lage, die Batterie ordnungsgemäß zu befestigen.
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| Stand: 30. Oktober 2011 |
Copyright©: Hubert Becker,
2005
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