Logistik - Ein Überblick 


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1.2.1 Logistik in Beschaffung, Produktion und Distribution

Häufig findet man in der deutschsprachigen Literatur den Begriff  "Marketinglogistik". Zur Marketinglogistik gehören gemäß PFOHL [95] alle Tätigkeiten, durch die Transport- und Lagervorgänge in einem Netzwerk zur Auslieferung der Fertigprodukte an ihre Kunden gestaltet, gesteuert oder kontrolliert werden. Die Verantwortung der Marketinglogistik beginnt also erst nach der Fertigstellung der Produkte und ist eindeutig auf den Absatzmarkt gerichtet.

Man erkannte jedoch schnell, daß der Nutzen noch erheblich größer sein kann, wenn nicht nur einen Teil des Warenflusses betrachtet, sondern dieser als Ganzes gesehen wird: von den Lieferanten durch das Unternehmen bis zu den Kunden. Logistik wird somit zu einem systemorientierten Ansatz, koordiniert bislang nicht abgestimmte Prozesse, vermeidet Insellösungen und schöpft damit erhebliche Rationalisierungspotentiale aus. Dieser Ansatz wird häufig auch als flußorientierte Definition der Logistik bezeichnet [96], [137]. Ein wesentlicher Aufgabenschwerpunkt liegt weiter - wie Abbildung  "Überblick über die von der Logistik wahrzunehmenden Funktionen [136]" zeigt - in disponierender und steuernder Tätigkeit.

"Die Grundfunktion von Logistiksystemen ist die raum-zeitliche Veränderung von Gütern" [96, S. 8]. Der koordinierte Ansatz der Logistik geht aktuell so weit, nicht nur Aufgaben der Beschaffungs-, Produktions- und Distributionslogistik vernetzt zu lösen, sondern auch bislang anderen Unternehmensbereichen zugeordnete Aufgabenstellungen zu übernehmen. Unter dem Sammelbegriff   "Unternehmenslogistik" sind Beschaffungs-, Produktions- und Distributionslogistik funktionell abgegrenzt, die Beschaffungslogistik beschäftigt sich mit der Versorgung des Produktionsprozesses mit Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen vom Beschaffungsmarkt, die Produktionslogistik steuert den Fluß der Güter durch den Produktionsprozeß und die Distributionslogistik steuert den Absatz der Produkte auf dem Absatzmarkt.

Man will insbesondere nicht mehr den Materialfluß durch die Produktionsplanung bestimmen lassen, sondern umgekehrt die Steuerung der Produktion der Logistik übertragen. Logistik muß sich demnach auch mit dem Fluß von Informationen befassen (s. Abbildung "Logistik als unternehmensübergreifendes Steuerungskonzept [136]"). "Der Güterfluß ... fließt nicht von allein, sondern setzt den Austausch von Informationen ... voraus" [96, S. 8]. Weiter führt PFOHL aus: "Die Informationsströme sind nicht Selbstzweck, sondern vom physischen Güterfluß abgeleitet" [96, S. 5]. Dies ändert sich jedoch derzeit mit den elektronischen Medien und der Verbreitung von Informationen in Datennetzen, auch die Verbreitung von Informationen bedarf der logistischen Unterstützung, z. B. Internet-Provider.

Eine solche Prozeßkettensicht führt unternehmensintern zur Schaffung neuer Verantwortungsbereiche, in denen neben den material- und warenflußbezogenen Dienstleistungsaufgaben auch Steuerungsfunktionen wie Produktionsplanung und -steuerung, Bestelldisposition und Versandsteuerung zusammengefaßt werden. Unternehmensübergreifend bedeutet das auch eine Einbindung externer Logistikdienstleister in die Gestaltung und Abwicklung des Material- und Warenflusses und eine enge Kopplung der jeweiligen Partner.

Die Automobilindustrie spielte hier in den späten 70er und frühen 80er Jahren eine Vorreiterrolle. Dies gilt auch für Bestrebungen, die logistische Kette auf die Lieferanten auszudehnen, was sich im aktuellen Schlagwort «just in time production (JIT)» am auffälligsten wiederspiegelt. So sind einige Zulieferer von großen Automobilunternehmen bereits unmittelbar an die Produktionssteuerung ihrer Kunden angekoppelt, so stößt beispielsweise das Bestelldispositionssystem des Automobilproduzenten das PPS-Systems der Lieferanten an. Diese liefern täglich genau die an diesem Tag benötigten, mit Hilfe eines Datenverbundes übermittelten Mengen, produzieren diese häufig erst am selben Tag. In ähnlicher Weise werden auch Speditionsunternehmen zunehmend in die logistische Kette eingebunden. Mittlerweile ist diese Kette bereits von den direkten Zulieferer der Automobilunternehmen auf deren wichtigste Lieferanten ausgedehnt worden.

Daneben führt eine derartige prozeßkettenorientierte Aufgabendefinition der Logistik zum fast zwangsläufig zum Gesamtkostendenken, nicht die isolierte Kosteneinsparungen in einzelnen Stationen der Prozeßkette gilt es zu erzielen, sondern die Summe der Kosten über die gesamte Kette hinweg. Anhand des Anteils der Logistikkosten an den Gesamtkosten eines Unternehmens läßt sich andeutungsweise die erhebliche Bedeutung der Logistik veranschaulichen (vgl. Abbildung "Höhe der Logistikkosten in unterschiedlichen empirischen Erhebungen" [135]). Zur Problematik der Abgrenzung der Logistikkosten wird auf Abschnitt 2.1.3 verwiesen. Nach - allerdings nicht unproblematischen - empirischen Erhebungen ergeben sich Prozentsätze von durchschnittlich weit über 10 %. Insbesondere in den 70er Jahren wiesen die Logistikkosten in vielen Unternehmen eine beträchtlich steigende Tendenz auf, dies ist einer der Gründe, sich verstärkt effizienten logistischen Verfahren zuzuwenden, um damit den Kostenanstieg zu bremsen.

Nicht alle Unternehmen folgen allerdings der zuvor angesprochenen umfassenden Sichtweise der Logistik. Dies bedeutete nämlich in letzter Konsequenz, die kurzfristige Steuerung eines Unternehmens (weitgehend) der Logistik zu übertragen. Die traditionellen Unternehmensbereiche Beschaffung, Produktion und Absatz sind dann lediglich dafür verantwortlich, Bereitstellungs- und Vertriebsmöglichkeiten sowie Kapazitäten für die Herstellung der Erzeugnisse zu schaffen; die Logistik setzt diese Potentiale ein, stimmt sie ständig aufeinander ab. Ein solches Konzept erweist sich dann als sinnvoll, wenn - wie in der Automobilindustrie - die übergreifende Abstimmung der verschiedenen Unternehmensbereiche den Schwerpunkt des unternehmerischen Tagesgeschäfts ausmacht. Andere Branchen werden zu weniger weitgehenden Ausgestaltungen der Logistik kommen, wie die Abbildung "Unterschiedliche Definitionen der Logistik [135]" zeigt.

Logistik bedeutet auch eine neue Funktionsspezialisierung, die mit entsprechenden Effizienzvorteilen verbunden ist. Diese Effizienzvorteile lassen sich durch eine besseren Abwicklung von Einzelaktivitäten erreichen, als Beispiele können hier angeführt werden:

Die vorliegende Abhandlung befaßt sich darüber hinaus und mit deutlichem Schwerpunkt mit einer anderen, vorwiegend technisch ausgerichteten Sicht der Logistik: der Anlagenlogistik. Diese kann auch als lebenszyklusorientierte Definition der Logistik bezeichnet werden [96]. Sie berücksichtigt neben technischen Gesichtspunkten vor allem den Aspekt der Lebenszykluskosten, eine Anlage, ein System oder ein Gerät wird entweder:

Ein dritten Ansatz, die dienstleistungsorientierte Definition der Logistik, baut auf dem Gedanken auf, daß alle Aktivitäten zur Produktion in koordinierter Weise erbracht werden müssen, um die Dienstleistung optimal, d. h. in einer kosten- und kundeneffektiven Weise, erfüllt werden können. Der Schwerpunkt liegt auf den folgenden Gebieten: Minimierung der Wartezeiten (der Auftragsabwicklung), Koordination der Dienstleistungskapazitäten und Bereitstellung dieser durch einen Distributionskanal [96]. Derartige dienstleistungsorientierte Leistungen in der Logistik werden vorwiegend von Spezialanbietern auf dem Transportsektor angeboten, z. B. Übernachttransport von Paketen mit exakt spezifizierten Merkmalen, Hängendtransport und Lagerung von Kleidungsstücken für einen eingegrenzten Empfängerkreis in exakt festgelegten Zustellbezirken.


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Stand: 02. März 2013 Free counter and web stats

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