Aufstehen, duschen, anziehen. Was wurde für heute gebucht, Business oder Economy? Ein Blick auf das Ticket zeigt, Holzklasse ist heute angesagt. Schnell schiebe ich mir im Stehen noch ein Müsli hinein, einen Espresso dazu und los gehts. Habe ich alles dabei, Unterlagen, Handy, Notebook?
Draußen ist es noch dunkel. In der U-Bahn lese ich am Info-Screen noch die letzten Munich-News.
Am Flughafen schnell aus der S-Bahn, damit die Schlange vor dem Check-In Automaten nicht so lang ist. Vorbei an den Last Minute Schaltern geht es schnellen Schrittes zum Terminal A. Meine Güte, heute gibt es wieder Rekordschlangen vor dem Security-Check.
Aktenkoffer, Notebook, Handy, Mantel und alle Metallgegenstände auf das Laufband des Security-Scanners legen, dann durch dir Detektor-Schleuse. Peep, Peep, ..... Was ist nun schon wieder? Die Suche mit dem Handdetektor ergibt, daß sich etwas Metallisches in den Schuhen befinden muß. Hat der Schuhmacher neulich mit zu großen Nägeln gearbeitet? Jetzt heißt es, die Schuhe auszuziehen und diese auf das Laufband zu legen. In der Tat, die Nägel in den Absätzen sind die Übeltäter.
Der Security-Check ist noch nicht beendet, das Notebook muß noch überprüft werden. "Bitte einschalten" weist mich die Mitarbeiterin an. Bios Version x.xx....erscheint auf dem Screen. "Danke, ist o. k.", lautet dann die erlösende Mitteilung. Noch eine Viertelstunde Zeit, schnell einen Kaffee und eine Zeitung. Verdammt heiß, dieser Kaffee, aber der ist laut Schild am Automaten auch frisch gebrüht.
Weiter geht es zum Gate A27. Dort angekommen, tönt eine professionelle Stimme aus dem Lautsprecher: "Ihr Flug LH2527 ist nun zum Einchecken bereit. Sie werden gebeten, das Rauchen einzustellen und Ihre Bordkarten bereit zu halten. Zur Erleichterung beim Einsteigen werden die Passagiere in den Zonen 1 und 2 zuerst abgefertigt." Zone 1 und 2, das sind die Fensterplätze und der hintere Teil des Fliegers (Economy). Das kümmert jedoch die meisten Passagiere der Business Class wenig. Wer zuletzt kommt, den bestraft das Leben! Im Klartext: Wer zuletzt kommt, muß sein Handgepäck vor seine Füße stellen. Wofür hat man schließlich einen Flieger genommen! Wenn man wirklich auf sein aufgegebenes Gepäck warten muß, dann wäre der ganze Zeitvorteil gegenüber anderen Verkehrsmitteln futsch.
Es heißt also wieder Schlange stehen. Im Flieger angekommen, bemerke ich, daß ich heute wieder das große Los gezogen habe: Seat 27A steht auf meiner Bordkarte, darüber Gate A27. Selbst Vielflieger können das nicht immer auseinander halten. Mein Platz ist wie immer in einem solchen Fall heiß begehrt. "Nein, mein Herr, dies ist mein Platz, Sie haben ...." Nein, sehr verehrte Dame, sie irren, heute fliegen Sie auf Platz....". Fast alle Passagiere haben ihren Platz eingenommen, ich erwarte daher keine weitere Störung. Fast alle. Nur ein bekannter Oberlehrer irrt durch das Flugzeug. Normalerweise sitzt dieser Herr doch in Reihe 1 oder 2. Heute kommt er doch geradewegs auf mich zu, ein kurzer versichernder Blick auf seine Bordkarte, und blitzartig hält er sie mir vor meine Augen. Seine Miene verrät: "Habe ich heute wieder einen unaufmerksamen Zeitgenossen erwischt." "Nein, Herr Vogel!", antworte ich besonders laut "Sie haben die Platznummer mit der Nummer des Gates verwechselt." Das Gesicht des Herrn Vogel verrät nun in aller Deutlichkeit seine Parteizugehörigkeit, auch wenn er nicht mehr deren Vorsitzender ist. Er trollt sich vor zur Reihe 1. Endlich in Ruhe sitzen! An die Zeitung! Die üblichen Sicherheitsbelehrungen an Bord stören sowieso niemanden.
Nach gut einer Stunde Flug ist Berlin-Tegel erreicht. Ankunft mit Lufthansa aus München heißt Gate 6 oder 7. Heute ist es Gate 6, das ist bei der hufeisenförmigen Anordnung der Flugsteige dasjenige mit dem weitesten Weg zum Bus oder zum Rental Car Center.
Name o.k., ist im Computer; den Führerschein vorzeigen, es ist Pflicht zu checken, ob die Pappe noch da ist, und schon ist das Auto gemietet. Ein Ford Ka ist es diesmal, diese Knutschkugel ist für den Stadtverkehr ganz gut. Schnell auf das Parkdeck, ganz hinten steht der Karren heute. Berlin-Treptow wird heute ausnahmsweise ohne den allgemeinen Stau zwischen Kongreßzentrum und Tempelhof erreicht.
Die Besprechung läuft sehr zäh. Einige Zauberflöten meinen, mit null Ahnung und unvorbereitet zaubern zu können. Nicht besserwisserisches Getue ist angesagt, vielmehr muß rüberkommen, daß die traumtänzerischen Anwandlungen einzelner Herren im großen und ganzen hervorragend sind, jedoch bedarf es noch einzelner geringfügiger Verbesserungen, dann ist das Ergebnis optimal. Der Herr, der mit der Meinung in der Besprechung sitzt, ihn tangiere das ganze sowieso nicht, muß nicht überzeugt werden; das Ergebnisprotokoll, das auch sein Chef erhält, wird das notwendige veranlaßen.
Ein ganz schwerer Brocken ist jener Zeitgenosse, der auf dem Standpunkt steht, da könne jeder kommen..... Er sei schließlich schon X Jahre im Projekt, nur diese Neueinsteiger müssen das Untere nach oben kehren, eigentlich sei ja alles in Ordnung. Er läßt keinerlei Einwände gelten. Dieses not-invented-here-Syndrom muß eine deutsche Volkskrankheit sein. Ein zaghafter Hinweis, er habe das zuvor Zitierte selbst verfaßt, wird mit dem Hinweis beiseite gefegt, man habe das Ganze nicht richtig verstanden. Hier hilft nur das Notebook. Schließlich wurden ja mindestens 2000 Seiten an projektspezifischen Dokumenten eingescant und sind auf dem Gerät gespeichert. Und überhaupt, warum hat man das Ding mitgeschleppt? Ein Suchbegriff in der Dokumentendatenbank, und schon ist man an der Quelle. Der Herr, der diese Passagen verfaßt hat, ist eines besseren belehrt. Er beruft sich jetzt darauf, daß alles schon ein paar Jahre her sei...
Auf der Rückfahrt zum Flughafen macht sich das Handy lautstark bemerkbar. Es ist mein Sohn. Er tut am anderen Ende der Leitung (?) kund, daß ihm heute ein Flyer in die Hand gedrückt wurde, auf dem ein sau-cooles Konzert angekündigt wird. Meine Frage, ob die Veranstaltung in einer ungeheizten Halle stattfinde, stößt auf generationsbedingtes Unverständnis. Diesen Act dürfe er nicht versäumen, das sei ein echtes Insider-Event. Außerdem habe er schon ein diesbezügliches Date mit seiner neuen, sau-süßen Freundin ausgemacht. Das verschlägt dem Vater die Argumente: Schule, Prüfung, Verantwortung, ......
Im Autoradio wird eine Deutschlandpremiere angekündigt, es ist eine Cover-Version eines Beatle-Songs aus dem Jahre 1964. Diese Hip-Hop-Fassung, sprich Blechtrottelversion, ist eine Zumutung. Plötzlich meldet sich der Moderator, er müsse leider diese Premiere für eine wichtige Verkehrsmeldung interrupten.
Abends, wieder Zuhause angekommen, werden schnell noch einige Seiten gescant und durch die OCR-Software gejagt.
Ach ja, da war noch etwas: ein Kollege hatte noch die letzte Kalkulationen gemailt, damit ich mit den Daten ein paar Trade-offs durchführen könne.
Am Fernsehen dann in den Midnight Latest News wird noch die Trainerschelte beim FC Bayern vorgespielt, von wegen "...Flasche leere! Ich habe fertig!"
Ich auch.
H. B.
| [der 68er] | [Hubert Becker's Homepage] | |
|
Stand: 16.09.2009 |
Copyright©: Hubert Becker, 1998 |