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| Eine anspruchsvolle Radtour in 8 Tagesetappen über insgesamt 620 km durch die französischen Alpen; Tagesetappen zwischen 64 und 95 Kilometer. | |
| Anreise|1. Tag|2. Tag|3. Tag|4. Tag|5. Tag|6. Tag|7. Tag|8. Tag|Rückreise | |
Streckenabschnitt |
Meeres- |
Ent- |
Tages- |
Gesamt- |
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|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Thonon-les-Bains
- D26 - Armoy Armoy - Vailly-Sous-la-Côte Vailly-Sous-la-Côte - le Lavouet le Lavouet - Bellevaux Bellevaux - Col de Jambaz Col de Jambaz - Mégevette Mégevette - Onnion Onnion - St Jeoire St Jeoire - Marignier Marignier - Vougy Vougy - Marnaz Marnaz - Blanzy Blanzy - le Reposoir le Reposoir - Col de la Colombière Col de la Colombière - le Chinaillon (1. Tagesetappe) |
390 |
6,5 |
6,5 |
6,5 |
|||
| le Chinaillon - le Grand-Bornand le Grand-Bornand - St-Jean-de-Sixt St-Jean-de-Sixt - la Clusaz la Clusaz - Col des Aravis Col des Aravis - Flumet Flumet - N. D. de Bellecombe N. D. de Bellecombe - Col des Saisies Col des Saisies - Beaufort (2. Tagesetappe) |
1290 |
6,0 |
6,0 |
80,5 |
|||
| Beaufort - Col de
Méraillet Col de Méraillet - Cormet de Roselend Cormet de Roselend - Bourg-St. Maurice Bourg-St. Maurice - Seez Seez - Ste. Foy-Tarentaise Ste. Foy-Tarentaise - Barrage de Tigne Barrage de Tigne - Val d'Isère (3. Tagesetappe) |
750 |
11,7 |
11,7 |
150,2 |
|||
| Val d'Isère -
Col d'Iseran Col d'Iseran - Bonneval-sur-Arc Bonneval-sur-Arc - Bessans Bessans - Lanslebourg-Mont-Cenis Lanslebourg-Mont-Cenis - Termignon Termignon - Sollières-l'Endroit Sollières-l'Endroit - Aussois Aussois - Modane Modane - St Martin-d'Arc (4. Tagesetappe) |
1840 |
16,0 |
16,0 |
225,5 |
|||
| St Martin-d'Arc -
Col du Télégraphe Col du Télégraphe - Valloire Valloire - Plan Lachat Plan Lachat - Col du Galibier Col du Galibier - Col du Lautaret Col du Lautaret - le Mônetier-les-Bains le Mônetier-les-Bains - Chantemerle Chantemerle - Briançon (5. Tagesetappe) |
720 |
11,5 |
11,5 |
311,5 |
|||
| Briançon -
Briançon (Gare) Briançon (Gare) - Cervières Cervières - Col d'Izoard Col d'Izoard - Arvieux Arvieux - Einm. D947 Einm. D947 - Guillestre Guillestre - St. Marcelin (Vars) St. Marcelin (Vars) - Ste Marie-de-Vars Ste Marie-de-Vars - Vars -les Claux (6. Tagesetappe) |
1321 |
1,0 |
1,0 |
371,5 |
|||
| Vars-les Claux - Col
de Vars Col de Vars - St. Paul-sur-Ubaye St. Paul-sur-Ubaye - Einm. D900 Einm. D900 - Jausiers Jausiers - Lans Lans - Col de la Bonette Col de la Bonette - Bousieyas Bousieyas - Pont Haut Pont Haut - St. Étienne-de-Tinée St. Étienne-de-Tinée - Isola (7. Tagesetappe) |
1800 |
5,5 |
5,5 |
441,8 |
|||
| Isola - St.
Sauveur-sur-Tinée St. Sauveur-sur-Tinée - Pont-de-la-Lune Pont-de-la-Lune - Pont de Batteries Pont de Batteries - Pont Durandy Pont Durandy - St .Jean-la-Rivière St. Jean-la-Rivière - Bère du Saut des Français Belvédère du Saut des Français - Levens Levens - Tourette-Levens Tourette-Levens -St André St André - Nice (8. Tagesetappe) |
871 |
14,0 |
14,0 |
539,8 |
|
Zeitraum
Die Radtour wurde vom 5. bis 14. Juli 2001 bei überwiegend schönem Wetter durchgeführt.
Teilnehmer:
Hubert Becker
Uschi Becker
Monika Blaimer
Kurt Hasselmayer
Allgemeine Hinweise
Jeder Teilnehmer ist für sein Gepäck selbst verantwortlich. Der Umfang des auf dem Rad mitzunehmenden Gepäcks sollte sich nach dem Stauraum und dem Tragevermögen jedes Teilnehmers bzw. Fahrrades richten. Grundsätzlich kann jeder mitnehmen, was er/sie für wichtig und richtig hält. Die technische Überprüfung des Radmaterials vor der Tour ist dringend angeraten. Der Umfang an Ersatzteilen und an Werkzeug sollte zwischen den Teilnehmern mit dem Ziel ausreichender Umfang und Vermeidung von Redundanzen abgesprochen werden.
Anreise
Eine erste elektronische Zugauskunft im Frühjahr dieses Jahres ergab, daß sich die Fahrradmitnahme auf der Strecke München - Genf mit einmaligem Umsteigen in Zürich bewerkstelligen läßt. Im Mai ergab eine erneute Auskunft, daß drei Umsteigehalte notwendig werden. Was war inzwischen passiert? Die Deutsche Bahn AG setzt seit dem Fahrplanwechsel im Juni auf der Strecke in die Schweiz anstelle von Lok-bespannten EC-Zügen dieselgetriebene ICE-Züge mit Neigetechnik ein, in denen keine Fahrradmitnahme erlaubt ist.
Also steigen wir brav in Lindau, St. Margarethen und St. Gallen um. Die Mitarbeiter der Schweizer Eisenbahnen sind sichtlich bemüht, Reisenden mit Fahrrädern beim Umsteigen zu helfen. Nach insgesamt 8 Stunden und 39 Minuten Fahrzeit kommen wir pünktlich, wie es sich für die Schweiz gehört, in Genf an.
Von Genf geht es mit dem Rad in flotter Fahrt am Südufer des Genfer Sees entlang nach Thonon-les-Bains. Die 42 Kilometer sind in zwei Stunden absolviert.
Überblick
Diese Radtour ist keine Spazierfahrt! Ca. 13.200 Höhenmeter sind auf 620 Kilometern zu absolvieren. Ausreichendes Training und Kondition sind für einen unproblematischen Tourverlauf notwendige Voraussetzung. Aus gegebenem Anlaß wird darauf hingewiesen, daß die beschriebene Tour ist.
Die Langsamkeit, in der wir durch die großartigen Landschaften der französischen Alpen fahren, macht den besonderen Reiz dieser Fahrradtour aus. Die grünen Almwiesen des Chablais und Beaufortain im Norden, darüber schroffe Felsformationen., stehen im krassen Widersatz zu den runden Bergkuppen in den bereits mediterran geprägten Südalpen.
Die Wegstrecke führt durch die französischen Alpen von Nord nach Süd, dabei werden auch absolute Hochgebirgsregionen durchfahren. Für die Mehrzahl der Pässe besteht eine regelmäßige Wintersperre von (Ende) Oktober bis (Mitte) Juni. Die Witterungs- und Straßenbedingungen können sich sogar im Hochsommer von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde ändern. Die hier beschriebene Streckenführung und -einteilung kann nur bei geeigneten Witterungs- und Straßenverhältnissen eingehalten werden. Alternativen hierzu sollten geplant und im aktuellen Fall dann auch gewählt werden (s. u.).
Die ursprünglich vorgesehene und im folgenden auch beschriebene Etappeneinteilung konnte nicht eingehalten werden, am dritten Tag wurde die Fahrt vorzeitig in Bourg-St. Maurice wegen völliger Durchnässung der Teilnehmer abgebrochen. Von Beaufort über den Cormet de Roselend bis Bourg-St. Maurice war nur eines gleichbleibend, der Dauerregen. Von der in diesem Reisebericht beschriebenen Etappeneinteilung wurde wie folgt abgewichen:
Von den zwei Tagen für unvorhersehbare Ereignisse waren somit bereits 1 1/4 Tage aufgebraucht.
Empfohlenes Kartenmaterial:
Das hier empfohlene Kartenmaterial kann nur als grobe Orientierung dienen, selbstverständlich gibt es auch geeignete Karten von anderen Herausgebern.
Varianten - Ausweichstrecken
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Ein erster Blick aus dem Hotelfenster zeigt den Genfer See
ruhig, darüber ein wenig Morgendunst. Es könnte ein schöner
Badetag werden! Zum Baden sind wir aber nicht angereist. Wir werden
höchstens im Laufe des Tages beim Radeln im eigenen Schweiß baden!
Die übliche Morgenprozedur: Fertigmachen, frühstücken, packen. Gegen 9 Uhr sind wir abfahrtsbereit. Thonon-les-Bains - am Vortag haben wir außer der Seepromenade nichts davon gesehen, deshalb zuerst ein Kurzbesuch im Stadtkern. Thonon ist die historische Hauptstadt des Chablais und liegt auf einer Bergterrasse mit weiten Grünanlagen, von denen man auf den Genfer See hinabblickt, sie ist heute ein beliebter Kurort.
Es ist Wochenmarkt mit dem üblichen Treiben. Wir müssen uns beherrschen, nicht zuviel Zeit zu verlieren. Ein anstrengendes Radprogramm liegt vor uns. Langsam kämpfen wir uns, die Räder schiebend, über den Markt in Richtung Berge. Nach dem Bahnübergang, noch innerhalb des Ortes, kommt die erste Steigung. Wir wollten es aber nicht anders.
Der Col de Jambaz ist der erste Zacken in unserer Pässekrone. Wir haben den Weg über die D26 anstelle der offiziellen Route gewählt, weil wir hier weniger Verkehr erwarten. Hoch oben über dem Dranse-Tal, mit prächtigen Ausblicken hinunter in die Schlucht, können wir tatsächlich ruhig radeln. Gut 600 Höhenmeter gilt es zu erklimmen. Wir passieren einige kleinere Orte, der größte von ihnen ist Bellevaux. Fast hätten wir die Paßhöhe verpaßt. Es sollte ein singuläres Paßerlebnis bleiben. Genug der Paß-Wortspiele!
In St. Jeoire haben wir unsere Ausgangshöhenlage fast wieder erreicht. Wir haben ein wenig Schwierigkeiten, die kleine D306 zu finden, auf der wir abgeschirmt vom motorisierten Verkehr weiterfahren wollen. Wahrscheinlich haben wir beim Einkauf fürs Picknick angesichts des Angebots die Orientierung verloren. Die kleine Höhenstraße im Verlauf der D306 führt uns nach Marignier. Vom Ortkern bis Vougy überholen wir rechts den Autostau, immerhin fast 4 Kilometer. Alles will auf die A40, sie verbindet Genf mit dem Mont Blanc Tunnel. Dieser ist zwar nach der Brandkatastrophe noch gesperrt. Die Auto werden schon andere Ziele haben, nach Überquerung der Autobahn kümmert uns das wenig. Ab jetzt erwarten wir wieder verkehrsarme Straßen.
Wir kreuzen auch noch die N205. Danach machen wir einen schweren Fehler, wie sich später herausstellen wird: von Norden nach Süden fahrend, die Landkarte jedoch lesbar, d. h. in Süd-Nord-Richtung auf der Lenkertasche, biegen wir nach rechts anstatt nach links ab. Die danach folgende Situation, läßt sich sowohl straßenmäßig wie auch bezüglich der Umgebung schwer mit den Informationen der Landkarte in Übereinstimmung bringen. Wir finden aber einen schattigen Picknick-Platz. Gesättigt und mit der nötigen Ruhe erkennen wir unseren Irrtum und kehren um. Insgesamt 10 Kilometer hat uns der Extra-Ausflug gekostet, 10 flache Kilometer! Was soll's.
Zurück in Vougy nehmen wir die richtige
Straße in Richtung Col de la Colombière. Im Ortskern
von Marnaz wählen wir eine sehr steile Abkürzung durch den Ort.
Kurz nach dem einbiegen in die D4 begegnet uns ein Hinweisschild, das uns
über die nächsten Tage ständig wieder entgegenprangt: »La
Route des Grandes Alpes«. Im Gegensatz zum Jambaz ist der Col
de la Colombière ein richtig anstrengender Paß, der wegen
seiner relativ niedrigen Scheitelhöhe von "nur" 1613 m. ü. NN (auf
dem Paßschild stand 1618 m - Karten und Schilder sind sich nicht ganz
einig) häufig unterschätzt wird. Von Marnaz sind jedoch
auf 15,5 Kilometern 1113 Höhenmeter zu überwinden.
Bis le Reposoir ist die Steigung einigermaßen moderat, dann geht es jedoch mit durchschnittlich 8,5 % hinauf zur Paßhöhe. Zeit für einen Besuch in der Chartreuse du Reposoir bleibt nicht, einem 1151 gegründeten Kloster, in dem heute eine Karmelitergemeinschaft lebt. Von einer Kehre oberhalb von le Reposoir sehen wir jedoch die Klosteranlage in einem Seitental liegen. Nach reichlich mehr als einer Stunde Fahrt mit regelmäßigen Verschnaufpausen, wir müssen noch unseren Pässerhythmus finden, kommen auf der Paßhöhe an. Ein paar Autos und Motorräder umgeben das Rasthaus auf dem Paß. Es ist bereits kurz vor 7 Uhr. Eigentlich wollten wir eine Stunde früher hier sein. Schnell werden die feuchten Trikots gewechselt und die Windjacken übergezogen.
Bis le Chinaillon, einem Bergdorf im Skigebiet von »Le Grand Bornand« sind es noch fünf Kilometer, die wir in wenigen Minuten dank des Gefälles bewältigen. Mit dem Hotel "La Crémaillère" haben wir eine gute Wahl getroffen.
Die Räder sind nach dem Frühstück schnell bepackt. Zwei Pässe stehen auf unserem heutigen Programm. Zunächst setzen wir jedoch die in le Chinaillon unterbrochene Abfahrt von Vortag fort. Von le Chinaillon über Grand-Bornand bis St. Jean-de-Sixt sind jede Menge Leute neben der Straße zu sehen, die merkwürdige Kuh-Skulpturen erschaffen, meistens aus Stroh, aber auch aus Keramik und mit Pappe. Es wird in der folgenden Woche das Fest der Kuhkunst gefeiert, so die profane Übersetzung aus dem Französischen. Le Grand-Bornand nennt sich großspurig »La Capitale mondiale de l'art vache« . Der Brunnen unter Freitreppe zum Rathaus in le Grand Bornand wurde zu einem Wasser speienden Kuheuter umgebaut!?!?!
La
Clusaz, der größte Skiort des Aravis-Massivs verdankt
seinen Namen der tiefen Schlucht bzw. Klause (Quertal), durch die hier der
Nom fließt. Die Häuser des Dorfs stehen eng gedrängt um die
große Kirche mit dem barocken Spindelhelm, umgeben von Weiden und
Wäldern. In La Clusaz wird seit den 20er Jahren Ski gefahren.
Von La Clusaz bis zum Paß schlängelt sich die Straße in Serpentinen hoch, am Fuß der steilen Felswände des Étale, dessen eigentümliche Silhouette sich vor dem Himmel abzeichnet. Mit 249,9 km/h bergauf zum Col des Aravis, das ist Radweltrekord. Kein wirklicher, denn der drahtlose Radcomputer wurde von der Taktfrequenz des parallel zur Straße verlaufenden Weidezauns manipuliert. Gestaunt haben wir aber dennoch. Die Straße zum Aravis-Paß ist eine der schönsten Strecken Savoyens. Der Col des Aravis kann von Dezember bis April eingeschneit sein. Kurz vor der Paßhöhe und während der Abfahrt nach la Giettaz kommen uns unzählige Jaguar E-Typ Sportautos entgegen. Die meisten Fahrer und Beifahrer winken uns freundlich zu. Auf der Paßhöhe stehen einige Andenkenbuden und Schnellrestaurants, eine kleine Erfrischung gönnen wir uns, denn es ist bereits lecker warm geworden. Der Planet brennt mit voller Energie.
Nahe der Straße, inmitten von grünen Almwiesen, steht die eine kleine, der hl. Anna geweihte Kapelle, über der Eingangstür in goldenen Lettern die Inschrift: »Sainte Anne protégez les voyageurs«. Die schroffen, grauen Felswände der Chaîne des Aravis erheben sich unter tief blauem Himmel bis zu einer Höhe von 2750 m (Pointe Percée). Nach Osten wird der Blick vom Aravis-Paß immer weiter und reicht bis zum Mont Blanc Massiv mit der Aiguille Verte im Nordosten und der Aiguille des Glaciers im Südwesten des höchsten Bergmassivs der Alpen. Ganz so klar wie am Vortage ist der Mont Blanc jedoch nicht zu sehen.
Die Abfahrt bis La Giettaz ist kurvenreich verlangt Konzentration. In den Gorges de l'Arondine wird die Straße flacher, vereinzelt steigt sie sogar wieder ein wenig an. Wir durchfahren einen kurzen Tunnel, danach wird die Straße wieder steiler und nach 500 Metern erreichen wir Flumet. Das Dorf, dessen Häuser dichtgedrängt am Zusammenfluß von Arly und Arondine stehen, wacht über die drei Verbindungsachsen, die hier zusammenlaufen; im Sommer herrscht daher reger Verkehr. 12:25 zeigt die Uhr, die Geschäfte schließen gleich. Wir verteilen und auf Bäcker, Metzger und Supermarkt, um für das Picknick einzukaufen. Wenige Meter nach dem Ortsausgang, an der Straße nach Mégève gelegen, finden wir einen Picknickplatz. Es war uns gelungen, in wenigen Minuten alles Nötige für eine leckere Mahlzeit zusammenzukaufen, das einzige, was uns fehlt, ist Schatten. Es diesem Grunde dauert die Mittagspause auch nicht sehr lang.
Nach zwei Kilometern ebener Straße biegt unsere Route
nach rechts in Richtung Col des Saisies ab. Mit durchschnittlich 6
Prozent Steigung zählt die Nordauffahrt nicht zu den steilsten auf unserer
Pässetour. Beschwerlich ist jedoch, daß es nur wenig Schatten
gibt. Am heutigen Tag mit fast 30 °C wirkt sich das besonders auf die
Kondition aus. Bald ist
Notre Dame
de Bellecombe erreicht, ein im Sommer nicht besonders anziehender
Wintersportort. Links der Straße die Stahlgerippe der Skilifte, die
etwas verloren auf den Wiesen herumstehen. Kilometer um Kilometer strampeln
wir wir weiter bergauf. Oben auf der flachen und weiten Paßhöhe
erwartet uns eine unförmige Ansammlung von Betonbauten, die den
Wintersportort les
Saisies bilden.
Aber auch im Sommer ist einiges geboten: Hüpfburgen, Cart-Bahn, Reitställe, Souvenir-Läden, Cafés und Restaurants säumen links und rechts die Paßstraße. Wir gönnen uns nach dem zweiten Paß des Tages ein Bierchen. Monika lädt uns dazu ein, ihr ist es heute beim bergaufradeln wesentlich besser als am Vortag ergangen. Beim Zahlen fordert sie einen Mitradler auf, ihre Geldbörse aus ihrer Lenkertasche zu holen: »Sie liegt ganz oben auf!« Ein seltsamer Geldbeutel in Größe 75B!
Es folgt eine rasante Abfahrt in Richtung Beaufort.
Mit Ausnahme von zwei Kehren im oberen Bereich und einer vor der Einmündung
der Straße von Hauteluce ist der Straßenverlauf zügig
gestreckt. Erst im untersten Abschnitt folgen sechs weitere Kehren. Die erwartete
Fernsicht bis zum Mont Blanc ist uns nicht vergönnt. Der Himmel hatte
sich in der Zwischenzeit von tiefblau nach gelblich grau gewandelt. Wind
kommt auf.
Vor Beaufort ragt hinter den Tannen die Ruine des Burgturms des Château de Beaufort auf. Beaufort-sur-Doron, so der volle Name, erscheint als eine große Käserei mit darum herum gebauten Werkswohnungen. Auf dem linken Flußufer des Doron stehen eng gedrängt die Häuser des alten Ortskerns. Die Kirche des Orts, ist typisch für die savoyische Architektur (Triumphbalken, vergoldete Schnitzaltäre). Weiter fällt uns ein altes Haus auf, das dringend renovierungsbedürftig ist und auf dessen Hausfront in großen Lettern geschrieben steht: »Gendarmerie Impériale«. Nach Beaufort ist nicht nur die berühmte Käsespezialität sondern die ganze Gegend benannt.
Mit Hotels ist der Ort nicht besonders reich ausgestattet. Wir sind schließlich froh, in einem der vier Hotels ansprechende Zimmer gefunden zu haben. Anschließend ist Waschtag! Auf unserer Fahrt durch den Ort sind wir an einem Münzwaschsalon vorbeigeradelt. Schnell werden im Hotel alle verschwitzten Radlklamotten in einen Sack gepackt und anschließend im Waschsalon in die Wäschetrommel ausgeleert. Mit einigen Francs für Waschmaschine und Waschpulver starten wir den Waschvorgang. In der Zwischenzeit können wir uns eine Erfrischung gönnen. Der böige Wind hat noch nicht nachgelassen, es ist schwül und die Anzeichen stehen auf Gewitter. Wieder zurück im Waschsalon überreden einige 10 Franc Stücke den Wäschetrockner zur Arbeit. Mit einem Sack voller frischer Wäsche kehren wir zurück ins Hotel. Trotz Bedenkens des Wirtes speisen wir draußen auf der einigermaßen windgeschützten Terrasse. Im Laufe des Abends legt sich der Wind. Wir erwarten für morgen wieder schönes Wetter und gehen zu Bett.
Der erste Blick aus dem Hotelfenster geht zum Himmel. Es ist bedeckt aber trocken. Nach der Morgentoilette erneut ein Blick nach draußen, es regnet! 80 Kilometer und 2200 Höhenmeter stehen heute auf dem Programm, bei Regen keine schöne Vorstellung! Wir begeben uns erst einmal zum Frühstück. Gegen Mittag soll das Wetter besser werden, so der Wetterbericht. Also warten wir erst einmal ab. Nach 10 Uhr wird der Regen weniger, wir brechen in Regenbekleidung auf. Es regnet wieder mehr.
Das
Beaufortain-Massiv ist ein riesiges Wasserreservoir, das intensiv
genutzt wird. Heute kommt für die Stauseen wieder Nachschub von ganz
oben. Der erste für die Stromerzeugung genutzte See war der Lac de
la Girotte. Ab 1923 versorgte der Bergsee insgesamt sieben Kraftwerke
zwischen Belleville und Venthon. Zwischen 1946 und 1948 wurde
die Staukapazität des Sees durch den Bau eines Damms verdoppelt. Eine
noch gewaltigere technische Leistung war der Bau des Staudamms in
Roselend. Das 187 Mio. m3 große Staubecken wird vom
Doron und Nebenflüssen der Isère gespeist, zu deren
Umleitung 40 km Kanäle gegraben werden mußten. Von Roselend
stürzt das Wasser aus 1200 m Höhe hinunter zum Kraftwerk
Bathie in der Basse-Tarentaise. Im Jahresdurchschnitt werden
982 Mio. kWh erzeugt. Bei St-Guérin und La Gittaz wurden
zwei zusätzliche Staubecken mit einem Fassungsvermögen von jeweils
13 Mio. m3 angelegt. Der Lac de Roselend ist unser erstes
Ziel. Hinter Beaufort geht es in ein V-förmiges Tal, bekannt
unter dem Namen Défile d'Entreroches. Der tosende Bergfluß
unter uns hat in dieser Schlucht interessante Formationen in den Fels gegraben.
Der unaufhörliche Regen von oben hinterläßt bei uns
Gemütsspuren.
Meter um Meter mühen wir uns auf der regennassen
Straße nach oben. Es ist wenigstens nicht kalt. In der Nähe des
Lac de Roselend wird der Regen etwas schwächer. Wir schöpfen
Hoffnung auf besseres Wetter. Nach einer kurzen Abfahrt zum See steigt die
Straße in kurzen Serpentinen an. Jetzt erreichen wir das eigentliche
Hochtal (cormet). Ein nasser grüner Teppich, durchzogen von
zahlreichen Wasserströmen, breitet sich um uns herum aus. Unter den
tief hängenden Wolken blühen vereinzelt schon Alpenrosen. Zwei
bis drei Wochen später werden die Hänge rosa bis rot glühen.
Bei gutem Wetter kann man das Mont-Blanc-Massiv sehen. Der Mont
Blanc liegt exakt in einer Luftlinienentfernung von 10 Kilometern, bis
zur Aiguilles des Glaciers (3816 m) sind es nur 5 km. Wir sehen nur
Wolken.
Ungefähr
einen Kilometer vor der Paßhöhe hört der Regen auf. Im Gegensatz
zu den anderen Pässen, die wir bis jetzt überquert haben, gibt
es auf dem
Cormet
de Roselend kein Haus, keine Gaststätte, keine Andenkenläden.
Ein offener Marktstand mit landwirtschaftlichen Produkten der Region erscheint
verwaist. Der Verkäufer sitzt in seinem Auto im Trockenen. Als wir ankommen,
wittert er das große Geschäft und begibt sich zu seinem Stand.
Er merkt aber bald, daß mit uns kein Geschäft zu machen ist. Das
obligatorische Paßfoto wird in höchster Eile geschossen, denn
es beginnt wieder zu regnen.
Der Nächste bitte! Ein Platz im eineinhalb Quadratmeter großen Holzhäuschen ist frei geworden; die einzige trockene Stelle zum Anziehen trockener Kleidung. Zudem müssen wir uns die eineinhalb Quadratmeter mit einer großen Mülltonne teilen, Hauptsache der Müll steht im Trockenen!
Ein Auto fährt vorbei. Bemerkenswert, denn der Verkehr war heute äußerst dünn. Nach wenigen Metern hält das Auto, der Fahrer setzt es im Rückwärtsgang zurück. Eine große Filmkamera erscheint auf der Beifahrerseite durch das geöffnete Fenster. Sich umziehende Radwanderer müssen anscheinend eine große Attraktion für den lokalen Fernsehsender aus Val d'Isère sein. Mehr als zwei (bekleidete) Männerrücken kriegen die rasenden Reporter aber nicht in die Kiste. Nach 5 Minuten geben die Sensationsjournalisten auf und fahren weiter.
Für uns folgt eine Abfahrt im Regen. Nach halber Strecke müssen die Bremsen nachjustiert werden, die Beläge sind schon zur Hälfte abgefahren. Völlig durchnäßt kommen wir in Bourg-St-Maurice an. Die Bremsbeläge sind nach der langen Abfahrt im Regen bedenklich dünn geworden. Auch eine Folge der weicheren Gummimischungen, die in den letzten Jahren Verwendung finden, um einem übermäßigen Verschleiß der Felgen vorzubeugen.
Wir diskutieren noch, ob wir wie vorgesehen weiterfahren oder ob wir dem nassen "Treiben" ein Ende bereiten sollen. Die Wirtin des Hotels, vor dem die Diskussion stattfindet, bietet und an, im warmen Heizungskeller ihres Hauses können wir alles über Nacht völlig trocknen. Das überzeugt und wir beenden die heutige Etappe vorzeitig.
In einem großen Sportgeschäft im Gewerbepark können wir neue Bremsgummi kaufen. Ca. zwei Stunden benötigen wir dann, um die Bremsgummis an drei Rädern auszutauschen. Am vierten Rad, das mit Rennradbremsen ausgerüstet ist, hält sich der Abrieb in Grenzen. Trotz intensiver Wäsche können wir die Trauerränder an unseren Fingernägeln nicht ganz beseitigen.
Bourg-St-Maurice, kurz "Bourg" genannt, im Herzen der Haute-Tarentaise, besitzt wegen seiner günstigen Lage am Kreuzungspunkt mehrerer Alpentäler immer schon große strategische Bedeutung; noch heute ist hier eine Gebirgsjägereinheit stationiert. In touristischer Hinsicht ist der Ort vor allem als Ausgangspunkt für Ausflüge in das schöne Umland interessant.
In der Hostellerie du Petit-Saint-Bernard, in der wir auch übernachten, beginnen wir gegen 20.30 Uhr mit dem Dîner. Es stellt uns rundherum zufrieden. Die Wirtin berechnet uns am nächsten Morgen anstelle aller Einzelpositionen viermal Halbpension plus Wein, und das, obwohl wir großzügig à la carte gespeist haben. Danke.
Es ist trocken am nächsten Morgen. Auch unsere Sachen - inklusive Schuhe und Gepäcktaschen - sind im warmen Heizungskeller trocken geworden. Nach dem Frühstück brechen wir in Richtung Val d'Isère auf. Es ist frisch heute. Nach drei Kilometern erreichen wir Seez. Hier zweigt die Paßstraße zum Kleinen St. Bernhard ab. Séez verdankt seinen Namen dem sechsten Meilenstein auf der alten Römerstraße von Mailand nach Lyon; seinen Ruhm dem nach einer aus Piemont eingeführten Technik gewebten Tuch, dem sog. "Drap de Bonneval", das besonders witterungsbeständig und daher bei Bergführern sehr beliebt war. Seit kurzem wird dieses alte Gewerbe hier wieder gepflegt. Die Barockkirche aus dem 17. Jh., die Église St-Pierre, birgt ein herrliches Retabel ein Werk des Bessaner Künstlers Fodéré.
Die nächsten acht Kilometer sind relativ flach. Der
Verkehr ist rege, im Vergleich zum Vortag ausgesprochen stark. Die Sonntag
macht sich bemerkbar, insbesondere in der Zahl der motorisierten Zweiräder.
Ganze Horden von Motorradfahrern überholen uns oder kommen uns entgegen.
Viele von ihnen fallen durch die Lautstärke ihrer Mopeds und durch weit
überhöhte Geschwindigkeit auf. Es wird Zeit, daß dieser Raserei
mit drastischen Maßnahmen ein Ende bereitet wird!
Vor Ste-Foy-Tarentaise die ersten Kehren, einem auf einer Bergterrasse über dem rechten Isère-Ufer gelegene Ort , dann folgt ein kontinuierlicher Anstieg bis zur Barrage de Tignes. Links unter uns die Isère. Links und rechts, hoch über der Straße liegen auf fast jedem Vorsprung ursprünglich gebliebene Weiler und Berghöfe. Nach zwölf Kilometern Steigung ist die Staumauer erreicht.
Hinter der inklusive Fundament 180 m hohen Bogenstaumauer
stauen sich 230 Mio. m3 Wasser des Lac du Chevril (Barrage
de Tignes). In diesen Wassermassen ist das alte Tignes verschwunden. Die
gewaltige Außenwand des 1953 eingeweihten Damms schmückt ein 12
000 m2 großes Fresko von J.-M. Pierret ("Der Riese"). Die
Kraftwerke rund um den Stausee erzeugen jährlich ca. 1 Mrd. kWh Strom.
Von dem auf dem Dach des Kraftwerks angelegten Aussichtspunkt (1808 m) hat
man einen guten Blick über die Staumauer, den See und die umliegenden
Berge. Für den Bau der neuen, oberhalb des Stausees verlaufenden D 902
mußten acht Tunnel - einer ist 459 m lang - gegraben und drei
Lawinenschutzwände gebaut werden, die gelegentlich den Blick versperren
(für Beleuchtung sorgen!). Durch die Schlucht von La Daille gelangt
man ins Becken von Val d'Isère.
Die ersten Häuserblöcke im Ortsteil La Daille sind ganz im Stil der einfallslosen Betonblöcke anderer französischer Alpenorte errichtet. Die Architektur im Ortskern von Val d'Isère kann man als insgesamt ansprechend bezeichnen. Es sind nur wenige Hotels und Restaurants geöffnet, das Sommergeschäft ist für den Ort weniger wichtig. Auf der Terrasse einer Pizzeria lassen wir uns zum Mittagessen nieder. Im Inneren des Restaurants ist kein Platz mehr frei. Es ist frisch und windig draußen. Mit unseren Allwetterjacken läßt es sich aushalten. Die Bedienung ist flott, so daß wir nicht länger als nötig verweilen müssen. Auf geht's zum Col d'Iseran!
Val
d'Isère haben wir schnell hinter uns gelassen. Nach zwei Kilometern
erreichen wir le Fornet, ein kleiner Weiler mit ursprünglicher
savoyischer Architektur. Eine Seilbahn führt von hier auf eine in Höhe
von 2350 m direkt an der Paßstraße gelegene Bergstation. Wir
lassen uns nicht verleiten, mit der Seilbahn abzukürzen. Noch steigt
die die Straße entlang der junge Isère nur mäßig
an. Der Parkplatz an der Pont St-Charles ist fast belegt. Viele Wanderer
die von hier aus zu den Isère-Quellen und zum Col de la
Galise wandern, haben ihr Fahrzeug abgestellt.
Von nun an geht's mit ziemlich konstanter Steigung zur
Paßhöhe, 720 Höhenmeter liegen noch vor uns. Der Col de
l'Iseran ist im allgemeinen von Ende November bis Anfang Juli wegen Schnee
gesperrt. Die Straße führt nun am Südhang hinauf. Nach zwei
Kehren folgt eine zwei Kilometer lange gerade Steigungsstrecke, wiederum
zwei Kehren, und wir gelangen zur bereits erwähnten Bergstation. Wir
befinden uns mittlerweile hoch über Val d'Isère. Die Berge
sind inzwischen teilweise wolkenverdeckt. Ab und zu kommt immer mal wieder
die Sonne durch. Vom Belvédère de la Tarentaise haben
wir einen phantastischen Blick bis hinüber zu den Gletscherregionen
von La Grande Motte und La Grande Casse. Im Skigebiet des
Tête du Solaise wird die Straße vorübergehend etwas
flacher.
Ein
kalter, böiger Wind kommt auf, als wir um den Crête (Kamm)
des Lessières herumbiegen. Links und rechts der Straße
bedecken wie ein weißer Fleckerlteppich sulzige Schneefelder den
nordostseitigen Hang. Oben auf dem rauhen Col de l'Iseran bleibt der
Schnee das ganze Jahr über liegen. Die Wolken drohen mit Regen. Ab und
zu tröpfelt es schon ein bißchen. Vor den letzten Kehren vor der
Paßhöhe in ca. 2500 m Höhe erwischt uns der große Regen
dann doch. Der Wind frischt auf zur Orkanstärke, die Sicht beträgt
nur noch 10 bis 20 m. Jeder fährt so schnell wie es geht den letzten
Kilometer zur Paßhöhe. Wir verabreden uns in der kleinen, 1939
errichteten Kapelle Notre-Dame-de-l'Iseran, hier sind wir vor Wind und Regen
geschützt. Irgendwo hatten wir gelesen, daß es auf dem Col
d'Iseran sonst kein weiters Gebäude geben soll. Wir fanden uns dann
aber in einer bewirteten Schutzhütte ein.
Eine große Tasse heißer Kaffee haucht uns wieder Leben ein. Nacheinander verschwinden wir in den "Restroom", wie die Amis so schön verschämt sagen. Unser Anliegen heißt "Umziehen"; raus aus den verschwitzten und vom Regen durchnäßten Klamotten und rein in frische winddichte T-Shirts, langärmelige Radtrikots und lange wetterdichte Radhosen. Ein weiterer Radler mit Minimalgepäck taucht in der Gaststube auf, völlig durchnäßt; er ist der Erste und wartet hier auf seine Mitfahrer. Der Regen hat noch nicht nachgelassen. Der Uhrzeiger zeigt auf fünf Uhr, wir müssen weiter. Bis St-Martin-d'Arc werden wir es heute angesichts der fortgeschrittenen Zeit nicht mehr schaffen, Lanslevillard oder Lanslebourg sollten schon noch drin sein. In voller Regenmontur verlassen wir das Haus.
Bevor
wir losfahren, muß das obligate Paßfoto geschossen werden. Dann
lassen wir es auf regennasser Straße anrollen. Zwischen dem Col
d'Iseran und dem Pont de la Neige fährt man durch die wilde
Landschaft des Talkessels der oberen Lenta am Fuß des
Grand-Pissaillas-Gletschers. Dann endet das Naß von oben. Die
Straßenoberfläche ist noch einige weitere Kilometer
regenüberzogen. Zwischen dem Pont de la Neige und Bonneval
sur-Arc geht es durch das von kargen Almwiesen gesäumte Tal der
Lenta, ein sog. Hängetal. Ab und zu ein Blick auf die Bremsgummis, sie
halten besser als am Vortag. Nach der vorletzten Kehre oberhalb von
Bonneval wird die Straße flacher.
In Bonneval, mit 1835 m die höchste Gemeinde der Maurienne, ist die Vergangenheit lebendig geblieben. Um das alte Straßenbild nicht zu stören, wurden im alten Ortskern Fernsehantennen und Autos aus dem Ort verbannt und die Telefonkabel unterirdisch verlegt. Auf den Holzbalkonen der mit Bruchsteinen gedeckten Steinhäuser trocknen manchmal noch Kuhfladen, die als Brennmaterial verwendet werden. Wir können von oben ein emsiges Treiben in den Gassen beobachten. Rings um den Ort ist kein Parkplatz mehr frei. Ein großer Flohmarkt findet heute statt. Angesichts der Menschenmassen, aber auch im Hinblick auf die fortgeschrittene Zeit verzichten wir auf einen Besuch des Ortskerns und fahren in flotter Fahrt weiter auf der Hauptstraße.
Wir lassen unsere Regenkleidung noch einige Kilometer an, damit sie trocknen kann. Ohne große Anstrengung radeln wir weiter bis Bessans. Der Ort liegt auf 1750 m Höhe und ist das Herz der alten Bergregion Maurienne. 1944 abgebrannt, mußte der Ort nach dem Krieg neu aufgebaut werden. Viel ist hier heute nicht los! Weiter geht's. Einige Kilometer danach ist es erst einmal Ende mit der Abfahrt, der Col de la Madelaine liegt vor uns. Wir entledigen uns jetzt der langen Hosen und der Windjacken. Der vor uns liegende "Paß" ist nicht mit dem gleichnamigen, 1993 m ü. NN liegenden Col de la Madelaine zu verwechseln, der auf der Fahrt von Albertville nach St-Jean-de-Maurienne liegt. Unser Col de la Madeleine ist ein Mini-Paß, knapp zwei Kilometer Steigung mit 55 Höhenmetern. Es folgt eine etwas kurvenreiche Abfahrt. In Lanslevillard ist unsere Fahrt für heute zu Ende. Im Hôtel du Grand Signal finden wir Quartier. »2 chambres, 4 apéritifs, 4 menus, 1 vin Pinot, 1 vin Abymes, 1 Vichy, 4 cafés et 4 petits déjeuners« stehen am nächsten Morgen auf unserer Rechnung. Ach ja, taxe de séjours (4 x 5 FF) mußten wir auch zahlen!
Nachdem Kurt seinen Plattfuß geflickt hat, können
wir die Abfahrt fortsetzen. In Lanslebourg-Mont-Cenis, dem
nächsten Ort, mündet die Paßstraße vom
Mont-Cenis ein. Der erwartete stärkere Verkehr bleibt
glücklicherweise aus. Trotzdem, und obwohl es von den Mitfahrerinnen
Proteste gibt, weichen wir kurz nach Termignon nach rechts auf eine wenig
befahrene Höhenstraße aus. Richtig: Höhenstraße bedeutet
zuerst einmal Steigung! Als Ausgleich fahren wir dann auf einem Hochplateau
oberhalb des Arc-Tals durch grüne Almwiesen. Wir passieren das
eindrucksvolle Festungswerk Ensemble fortifié de l'Esseillon, das
zwischen 1817 und 1834 von der sardischen Krone zur Abwehr einer eventuellen
französischen Invasion am Mont-Cenis-Paß errichtet wurde.
Das alte Dorf Aussois, in schöner Lage auf 1500 m Höhe, am Fuß des Rateau d'Aussois und des Dent Parrachée, rühmt sich gerne seiner vielen Sonnentage. Der am Eingang des Parc National de la Vanoise gelegene Ort ist ein guter Ausgangspunkt für Wanderungen und Radtouren. Die in den Fels gehauene Straße führt über den St-Benoît hinein in das Tal von Avrieux. In diesem Dorf starb Kaiser Karl der Kahle 877 bei seiner Rückkehr aus Italien, wo er dem Papst Johannes VIII. Hilfe geleistet hatte; er wurde vergiftet. Drei Jahrhunderte später sollen sich hier zwei mit dem Erzbischof von Canterbury, Thomas Becket, verbündete Familien niedergelassen und eine Kirche erbaut haben. Die heutige Kirche ist dem hl. Thomas Becket geweiht.
Im krassen Gegensatz zu Aussois steht
Modane.
Die Grenzstadt im Tal der Arc am Fuß der letzten Ausläufer des
Vanoise-Massivs ist eine Stadt der Zöllner, Eisenbahner und Soldaten.
Ihre heutige Bedeutung verdankt sie den beiden Tunneln, die hier ihren Anfang
nehmen. Modane, das sich aus drei verschiedenen Ortsteilen zusammensetzt,
wurde 1943 stark bombardiert, so daß heute Neubauten vorherrschend
sind. Die Stadt vermittelt darüber hinaus einen trostlosen Eindruck,
die Bausubstanz ist zumeist beschädigt bis baufällig. In einer
langgezogenen Schleife winden sich die Eisenbahngleise durch Stadt und
verschwinden dann im 13657 m langen Eisenbahntunnel (erbaut 1857 -1872).
Mitten in der Stadt befinden sich Personen- und Güterbahnhof sowie ein
Bahnbetriebswerk mit ausgedehnten Abstellanlagen. Hoch oben über Modane
dröhnt der Schwerverkehr, der aufwärts zum oder abwärts aus
dem Fréjus-Tunnel schleicht. Der 12870 m lange Tunnel wurde 1980
eröffnet und ist eine der wichtigsten Verkehrsverbindungen zwischen
Frankreich und Italien. Zum Glück ist das letzte bis vor kurzem noch
fehlende Teilstück der A43 mittlerweile frei gegeben, so daß sich
auf der N6 relativ wenig Verkehr bewegt.
Bald haben wir St-Martin-d'Arc erreicht. Wir finden ein schönes Picknickplätzchen und stärken uns für den bevorstehenden Aufstieg zum Col du Télégraphe.
Ein bayerischer Himmel über der Maurienne,
weiß-blau, die Berggipfel größtenteils frei von Wolken,
welch ein Unterschied zum Vortag! Guter Laune verlassen wir auf der Rue
du Télégraphe den Ort St. Martin. Noch im Ort steigt
die Straße mit 10% an, durchschnittlich sind es bis zur Paßhöhe
des vorgelagerten Col du Télégraphe 7,5%. 14 Kehren
liegen auf der 11,5 km langen Bergstrecke. Am Straßenrand liegt der
Müll eines Radrennens: fast auf jedem Meter eine leere Plastiktube,
die zuvor Kraftnahrung für die Rennfahrer enthielt. Ein Verrückter
kommt uns mit metallischem Lärm im Schneckentempo entgegen, die
Bremsklötze seines BMW sind vollkommen abgefahren, der Fahrer versucht
offensichtlich eine Werkstatt im Tal zu erreichen. Auf der Fahrt von St.
Martin bis zur Paßhöhe hat man einen eindrucksvollen Blick
auf den Croix des Têtes, der sich rückwärts über
dem engen Tal erhebt. Dahinter ragt der Perron des Encombres auf (2830
m). Im Nordosten sieht man die Gletscher der
Péclet-Polset-Gruppe.
Der Paß liegt auf einem Felsvorsprung. Die andere
Seite dieses Bergrückens, wo das Flüßchen Valloirette
über mehrere Felstreppen zu Tal rauscht, ist zu steil und zu instabil,
um dort eine Straße anzulegen. Deshalb diese seltsame Formation des
Passes! Ganz vorn auf dem Felssporn liegt ein Fort, noch heute eine
militärische Einrichtung. Aus diesem Fort ragen einige Sendemasten
und Antennen empor, daher der Name Télégraphe.
Es folgen bis Valloire ein paar verlorenen Höhenmeter. Valloire, das touristische Zentrum der Maurienne liegt am Fuß des Rocher St-Pierre, eines eiszeitlichen Gletscherriegels im Tal der Valloirette, zwischen den Nationalparks Vanoise und Écrins. In der Mitte des alten Orts steht eine Barockkirche aus dem 17. Jahrhundert, die zu den am reichsten ausgeschmückten Gotteshäusern Savoyens gehört. Der Turm stammt noch vom Vorgängerbau.
Im Gegensatz zu Val d'Isère ist Valloire auch im Sommer gut besucht. Vor allem Familien mit Kindern verbringen hier ihren Sommerurlaub. Es gibt kein Problem, freie Zimmer für uns zu finden. Wir nützen die frühe Ankunftszeit, um nützliche Arbeiten zu verrichten: Bremsen nachjustieren, Wäsche waschen, in der Sonne liegen.... Später entdecken wir zwei weitere Tourenräder in der Hotelgarage. Beim Abendessen sind wir schon in Gedanken bei der Auffahrt zum Galibier.
Das Wetter
präsentiert sich am nächsten Morgen so schön, wie im Wetterbericht
des Vorabends angekündigt. Beim Frühstück halten wir uns
nicht lange auf, auch die Öffnungszeit des Postamtes warten wir nicht
ab, die Ansichtskarten können später aufgegeben werden. Das
zusätzliche Gewicht der Karten werden wir wohl verschmerzen können.
Die Strecke zwischen Maurienne und Briançonnais ist neben derjenigen über den Col de l'Iseran die berühmteste der französischen Alpen; sie führt durch eine in ihrer majestätischen Kargheit atemberaubend schöne Hochgebirgslandschaft. Der Col du Galibier ist von Oktober bis Ende Mai, manchmal sogar bis Juli, wegen Schnee nicht befahrbar. Dieser Paß ist ein Muß für jeden Radsportler. Zu Hunderten sind sie heute wieder unterwegs. Wir gehören mit unserem Gepäck zu den langsameren, und werden von den "Jungs mit den kleinen Ritzeln" überholt. Hallo, bonjour, buon giorno, hello, Tach! Die Begrüßung ist obligatorisch, zumeist knapp, aber international. Eine größere Gruppe Italiener zieht einzeln oder in kleinen Gruppen an uns vorbei, alle vom Radclub aus Dimaro im Trentino, wie die Aufschrift auf ihren Trikots zeigt. Ein älterer Radler kommt ins Erzählen: »Sono già settanta, ma devo salire il Galibier.« (Ich bin schon siebzig, aber den Galibier muß ich noch fahren.)
Bis Plan Lachat zieht sich
die Straße nach Süden, die Steigung ist stetig, aber moderat.
Bei der dortigen Schutzhütte steigt eine größere Gruppe Radler
aus einem Bus, ihre Räder werden vom Anhänger geladen. Wollen diese
Freizeitpedaleure etwa zum Galibier? Nein, sie fahren nur bergab nach
Valloire, Freizeitanimation! Der Grand Galibier kommt in Sicht,
auf der anderen Seite des Passes der Pic des Trois
Évêchés. Nordöstlich von uns erkennt mann die
Zacken der Rochers de la Grande Paré. Vom Plan Lachat
bis hinauf zum Paß hat man herrliche Ausblicke auf das Tal der Valloirette.
Nun liegt eine erste Serie
von Kehren vor uns. Danach kommt der steilste Abschnitt mit bis zu 14% Steigung.
In einer alten Sennerei am Wegesrand, sie dient heute als Schnellrestaurant,
Kiosk und Souvenirladen, kaufen wir zur Abwechslung eine Limonade. Weiter
geht es in einer langgezogenen Linkskurve. Die Grasnabe dieser Hochalmlandschaft
wird dünner. Mehr und mehr durchfahren wir Geröllfelder, in denen
immer häufiger noch Schnee liegt.
Auf die Straße
sind Namen von Fahrern der Tour de France aufgepinselt. Der Col du
Galibier steht häufig auf dem Programm der Tour und ist eine der
gefürchtetsten Bergetappen bei diesem Radrennen. Zum letzten Mal fuhr
der Troß im Jahr 2000 über diese Strecke, jedoch in umgekehrter
Richtung. Am 13. Juli 1999 wurde der Galibier letzten Mal in (unserer)
Nord-Süd-Richtung gefahren, die 9. Etappe führte über 215
Kilometer von Le Grand Bornand nach Sestrières in Italien.
Auch 2002 gehört der Galibier wieder zum Programm der Tour.
Sieben Fahrer des Veloclub Ratisbona e.V. in Regensburg überholen uns, wenig später das Begleitfahrzeug, ein VW-Bus, mit der französischen und deutschen Fahne am Heck sowie einer Tafel, auf der das sportliche Ereignis allen kundgetan wird. Wir treffen die Gruppe später auf der Paßhöhe wieder.
Hundert Höhenmeter
unter der Paßhöhe ist es mit der Ruhe der Bergwelt zu Ende. Der
Baulärm kommt aus dem Scheiteltunnel, der dem Bergübergang eine
längere Öffnungszeit erlauben soll. Der 370 m lange, einspurige
Tunnel wurde 1976 wegen seines schlechten Bauzustandes stillgelegt. Dank
der Initiative der beiden Départements Savoie und
Hautes-Alpes wird der 1891 erbaute Tunnel restauriert und
demnächst wieder geöffnet. Nach
Informationen von Fachleuten
wird der Tunnel so ausgebaut, daß er auch von Bussen passiert werden
kann. Nur Pkw, Motorräder und Fahrräder dürfen nach
Wiedereröffnung der Galibier-Scheiteltunnels noch über die
Paßhöhe fahren. Die Vorstellung, daß zukünftig schwarze
Rußwolken ausstoßende Busse in Kolonnen die
Galibier-Strecke befahren, läßt einen Radsportler zutiefst
erschauern.
Auf den letzten hundert Höhenmetern sieht man das Arbeitsergebnis der Schneefräsen, die die Straße unter einer bis zu drei Metern hohen Schneedecke freigelegt haben. Endlich haben wir die Paßhöhe erreicht. Der wenige Platz hier oben ist von Autos, Motorrädern und Fahrrädern voll ausgefüllt.
Mit 2645 m ist der
Galibier-Paß der dritthöchste Abschnitt der Route des Grandes
Alpes nach dem Col de la Bonette (2802 m) und dem Col de
l'Iseran (2770 m). Das obligatorische Paßfoto muß schon sein
(s.o.). Ansonsten genießen wir das wundervolle
Bergpanorama mit den Aiguilles d'Arves und dem Mont Thabor
im Norden und dem Briançonnais und dem Massif des
Écrins im Süden. Das ein oder andere Foto wird geschossen.
Dann die übliche Prozedur: Trikotwechsel, lange Radhosen, winddichte
Jacken, Handschuhe und Mützen unterm Helm. Kurz bevor wir uns auf die
Abfahrt begeben, treffen die Reiseräder aus unserem Hotel samt Radler
und Radlerin ein.
Nun geht es bergab zum Col du Lautaret. Vom Galibier stößt man direkt auf der Paßhöhe des Lautaret auf die N91 von Grenoble nach Briançon. Auf unserer Route ist der Lautaret kein wirklicher Paß mit Aufstieg und Abfahrt. Es geht ausschließlich weiter bergab in Richtung Briançon. Kurz vor dem Paß bietet der Meije mit dem Glacier de l'Homme (Massif des Acrins) einen wundervollen Anblick. Trotz seiner relativ großen Höhe ist der Col du Lautaret einer der am meisten befahrenen Pässe der Dauphiné-Alpen. Von Juli bis Anfang August verwandelt sich die rauhe Landschaft des Passes in eine Blumenwiese mit Narzissen, Anemonen, Berglilien, Enzian, Alpenrosen und gelegentlich auch Edelweiß.
Am höchsten Punkt des Passes führt ein Weg zum Jardin Alpin. In dem 2 ha großen botanischen Garten wachsen rund 2000 verschiedene Wildpflanzen und Heilkräuter aus den Pyrenäen, den Karpaten, dem Balkan, dem Kaukasus, dem Himalaja und den Rocky Mountains.
Oberhalb des botanischen Gartens bietet sich bei der Orientierungstafel ein eindrucksvoller Blick auf den von Gletschern umgebenen Meije. Auf dem Paß befindet sich ein Informationszentrum der Nationalparkverwaltung, in dem Ausstellungen zu Geologie, Flora und Fauna stattfinden (Refuge Napoleon).
Die Weiterfahrt ist bei moderatem Gefälle recht flott. In Monétier-les-Bains kehren wir zum Mittagessen ein. Einige der Radfahrer vom Galibier fahren vorbei, während wir in aller Ruhe auf der Terrasse speisen.
Nach Briançon sind es nur noch 15 Kilometer. Dank des Gefälles haben wir es bald geschafft. Kurz vor dem Ortsschild biegen wir in eine kleine Straße in Richtung Oberstadt ab. Ein Postamt, hier können wir Briefmarken für unser Ansichtskarten kaufen. In der befestigten Oberstadt, durch die wir unsere Räder schieben, finden wir kein freies Zimmer, deshalb fahren wir mit quietschenden Bremsen hinunter zur Unterstadt. Das Hotel, in dem wir uns einquartieren, soll mit drei Sternen das erste Haus am Platz sein, wir meinen, daß das Etablissement schon bessere Tage gesehen habe.
Briançon (11000 Einwohner) ist mit 1321 m
ü. NN die höchste Stadt in Europa und liegt am Schnittpunkt der
Täler von Guisane, Durance, Cerveyrette und
Clarée. Aus dieser Lage erklärt sich die Bedeutung, die
Briançon in den vergangenen Jahrhunderten hatte. Im Mittelalter
war Briançon eine freie Stadt. Mit dem Anschluß der
Dauphiné fiel Briançon 1349 an Frankreich. 1690
schloß sich Savoyen dem Bündnis gegen Ludwig XIV. an; 1713, im
Friedenvertrag von Utrecht wurde die östliche Dauphiné Piemont
zugeschrieben. Somit wurde Briançon Grenzstadt. Die von einer
Zitadelle überragte Oberstadt umschließt ein von Vauban entworfener
Festungswall, dem sie den Namen Briançon-Vauban verdankt. Dem Besucher
zeigt sie sich mit ihren engen, steilen Gassen noch immer wie zu Zeiten Ludwigs
XIV.
Vauban (geb.
1633 als Sébastien le Prestre in Saint-Léger de Foucheret,
heute Saint-Léger-Vauban, gest. 1707 in Paris) war Commissaire
général des Fortifications, es gibt fast keine Befestigung
in Frankreich, die nicht mit dem Namen Vauban in Verbindung gebracht wird.
Als Vauban 1692 zum ersten nach Briançon kam, hatten die
Bauarbeiten bereits begonnen. Vauban korrigierte die existierenden Pläne
und verbesserte die Befestigungsanlagen. Nach seinem Tod führte
Maréchal Berwick die Arbeiten fort. Im 18. und 19. Jahrhundert entstanden
dann zahlreiche weitere Forts (Anjou, Randouillet, Trois
Têtes, Dauphin, Infernet, Gondran, Croix
de Bretagne, Selettes und einige andere Namenlose) zum Teil weit
oben in den Bergen.
Im 19. Jahrhundert wächst Briançon aus seinen Befestigungsmauern heraus. Es entsteht weiter unten Ste-Catherine, die neue Stadt, in der sich die Geschäfte, der Bahnhof und die Kaserne befinden.
Kleine Wäsche war mal wieder notwendig, Trikots und Radlerhosen hängen an allen möglichen Vorrichtungen im Bad. Dann machen wir uns auf zu einem Bummel durch Briançon. Zufällig treffen wir die beiden Radwanderer wieder, die in Valloire im gleichen Hotel gewohnt haben. Bei einem Plausch werden Herkunft, Ziel, Erfahrungen ausgetauscht. Die beiden, ein Lehrerehepaar, haben vor, die gesamten großen Ferien auf dem Rad zu verbringen: Alpen, Korsika, Toskana und, mal sehen...
Das Abendessen im Hôtel de la Chaussée - es ist aber nicht das Hotel, in dem wir übernachten - haben wir in guter Erinnerung.
Der einsetzende morgendliche Berufsverkehr macht es unmöglich, länger zu schlafen. Früher als geplant stehen wir auf. Im Frühstücksraum werden wir in unserer Radbekleidung von den anderen, dem Alter des Hotels entsprechenden Gästen etwas "von der Seite" angeschaut. Wir lassen es uns trotzdem schmecken.
Noch innerhalb von
Briançon steigt die Straße in Richtung Col d'Izoard
kräftig an. Nach einer Mülldeponie, zu der bereits reger Lieferverkehr
herrscht, wird die Steigung gemütlicher. Entlang der Cerveyrette
führt die D902 weiter nach Cervières. Der
Veloclub Ratisbona
e.V. überholt uns wieder, nicht ohne eine flapsige Bemerkung
über unser Gepäck loszuwerden: "Habt Ihr Euren gesamten Hausstand
mitgenommen, rechts das Schlafzimmer, links das Wohnzimmer in der Mitte die
Küche?" Wir werden Sie auf der Paßhöhe wiedersehen.
Im kleinen Weiler Le
Laus trinken wir zur Abwechslung mal etwas anderes als unser
Calcium-Magesium-Wasser. Im Ort stehen noch einige alte schindelgedeckte
Bergbauernhäuser aus Stein und Holz.
Nun ist es Schluß mit leicht, ab jetzt geht's zur Sache. Mit durchschnittlich 8 Prozent Steigung führt die Straße hinauf zur Paßhöhe. Aber nicht nur die Steigung macht uns zu schaffen, es plagen uns riesige Schwärme von Fliegen, die es besonders auf schwarze Flächen abgesehen haben Bei der kurvenreichen Fahrt zum Izoard rückt links die Silhouette des Grand Pic de Rochebrune ins Bild. Ab Briançon ist fast auf der gesamten Wegstrecke zur Paßhöhe eine Radspur am rechten Straßenrand abmarkiert. In den letzten Jahren ist viel an der Nordauffahrt gearbeitet worden, der Straßenbelag ist weitestgehend erneuert. Bis zum Refuge Napoleon sind es nur noch ein paar Kilometer, es liegt ungefähr auf Höhe der Baumgrenze. Diese Schutzhütte wurde 1858 mit Mitteln aus dem Vermächtnis Napoléons errichtet. Einige Kehren weiter erreicht man die Paßhöhe.
Der Col d'Izoard (2360m)
ist südlich vom Col du Galibier der höchste Punkt auf der
offiziellen Route des Grandes Alpes. Auf der Paßhöhe selbst
befindet sich ein Denkmal, eine hohe Steinsäule, zur Ehrung der
französischen Gebirgsjägereinheiten, die beim Bau vieler Straßen
durch das Gebirge beteiligt waren, und ein kleines Museum (Musée Relais
cyclotourisme) für Radsportbegeisterte. Das Museum ist der Tour de France
gewidmet, bei der des öfteren auch der Col d'Izoard überwunden
werden muß.
Das Wetter ist herrlich, es ist richtig warm hier oben auf über 2300 m Höhe. Auf Holzbänken sitzend genießen wir die Sonne. Der Izoard ist ebenso wie der Galibier ein für Radfahrer anziehender Paß. Zwischen 20 und 30 Radler bevölkern neben einigen wenigen Auto- und Motorradfahrern die Paßhöhe. Fotografieren ist die häufigste Beschäftigung: die großartige Gebirgslandschaft rund um den Paß, Erinnerungsfotos vor der obelisk-artigen Steinsäule sozusagen als Paßstempel zur "Glaubbarmachung" der sportlichen Leistung oder andere persönliche Motive.
Die Regensburger Radfahrgruppe
bereitet sich schon für die Abfahrt vor, während unser Lehrerehepaar
gerade die Paßhöhe erreicht. Seit ein paar Tagen sind es immer
wieder die gleichen, fast schon vertrauten Gesichter, denen wir begegnen.
La Route des Grandes Alpes, eine radsportliche Herausforderung, die
jeder ambitionierte Radfahrer einmal bewältigt haben will!
Gedenktafeln rufen zwei der ganz Großen der Tour de France in Erinnerung: den Italiener Fausto Coppi, Sieger des Rennens im Jahr 1952, und den Franzosen Louison Bobet, Sieger von 1953, 1954 und 1955.
Unser Tagesprogramm und
das Knurren unserer Mägen erinnern uns daran, daß es Zeit ist
weiterzufahren. Die Straße führt durch eine wilde, eigenwillig
anmutende Landschaft (Casse Déserte) aus zerklüfteten
Felsen, zerfurchten Abhängen und Geröllfeldern. Die
trümmerförmigen Felsspitzen, die über der Paßstraße
des Col d'Izoard aufragen, sind auf eine geologische Besonderheit
zurückzuführen: zermalmte Kalksteinschichten und Gipsstein sind
zu einem gelblichen Konglomerat, der Cargneule, verschmolzen. Die härteren
Teile dieses Gesteins hielten der Erosion besser stand und blieben in Form
von Felsnadeln stehen und werden langsam von einem rötlichen Schotter
zugedeckt werden.
Die ersten Kilometer der Abfahrt sind steil. Nach ungefähr zwei Kilometer folgt ein kurzer Gegenanstieg. Auf einem Parkplatz steht ein riesiger Autokran, wir wundern uns über dessen Anwesenheit und fahren vorbei. Die Straße ist auf diesem Abschnitt mit ca. 4 m nicht besonders breit. Seitliche Leit- oder Schutzeinrichtungen gibt es nicht, jenseits des Straßenrandes geht es zum Teil mehrere hundert Meter steil nach unten. Wir bremsen uns zu Tal.
Bei Brunissard ist die kurvenreiche Strecke zu Ende. Das nachfolgende Arvieux und seine Weiler sind in erster Linie interessant wegen ihrer Laubenhäuser mit Schindeldächern aus Lärchenholz. Arvieux ist obendrein beliebt als Sommerferienziel wie auch als Wintersportort wegen seines angenehmen Klimas. Am ersten Gasthaus neben der Straße halten wir zum Mittagessen an. Im Lokal weitere Radler, denen wir bereits auf der Paßhöhe begegnet sind. Wir bestellen das Tagesgericht (plat du jour). Der Wirt erkundigt sich, woher wir kommen, und wundert sich, daß die Straße vom Izoard offen ist. Wir wiederum fragen erstaunt nach, warum denn die Straße gesperrt sein soll.
In der vorherigen Woche
sei ein mit zwei Personen besetzter Pkw von der Straße abgekommen und
mehrere hundert Meter in die Casse Déserte hinabgestürzt;
der Fahrer sei tot, seine Beifahrerin schwer verletzt, so der Wirt. (Nachfolgende
Recherchen zu diesem Bericht im Internet ergaben, das der Fahrer eines 'Martin
Super Seven' war und daß die Beifahrerin jetzt querschnittsgelähmt
ist.) Jetzt war uns klar warum der Autokran dort oben stand: Die Bergung
des Autowraks war für heute Mittag angesetzt und deshalb sollte die
Straße für einige Stunden gesperrt werden. Wir hatten die Stelle
kurz vor der Sperrung passiert. Später, in der Combe du Queyras,
hat uns der Autokran und ein Lkw mit einer Flunder als Autowrak überholt.
Die Combe du
Queyras, eine lange und tiefe Schlucht., die an schmalste Stelle zwischen
L'Ange Gardien ,dem "Schutzengel-Felsen", und La Chapelue kaum
Platz für die in den Fels gehauene Straße läßt, zieht
sich oberhalb der klaren, tiefen Wasser des Flusses Guil hin. Wir
biegen, vom Izoard kommend, nach rechts in diese Schlucht ein und
fahren an Château-Queyras mit seiner auf einem Felssporn thronenden
Festung vorbei. Dieser Felsen - eines der eindrucksvollsten Landschaftsbilder
des Queyras - versperrt fast völlig den Weg durchs Tal des Guil.
Das nahe der italienischen Grenze gelegene Queyras ist eine in kultureller und historischer Hinsicht eigenständige Region, was vor allem durch seine Abgeschiedenheit bedingt ist. Das Herz des Queyras ist das Guil-Tal, eine der ungewöhnlichsten Regionen der Südalpen, ruhig und heiter zwischen Abriès und Château-Queyras, in dieses münden weite Nebentäler, darunter das Vallée de St-Véran. Das Queyras besteht aus zwei Gebieten: das Haut-Queyras im Osten, aufgefaltete Sedimentschichten aus Schiefer haben hier zusammen mit Vulkangestein gezackte Felskämme aus Glimmerschiefer geschaffen, das Bas-Queyras im Westen mit überwiegendem Kalkgestein hat unwirtliche Landschaften wie die Casse Déserte oder die Combe du Queyras entstehen lassen. Außergewöhnlich ist auch das Klima: Überwiegend ist der Himmel strahlend blau, Nebel ist so ziemlich wie unbekannt, Regen im Sommer eine Seltenheit. Es wird jedoch wegen der Hochgebirgslage nie richtig heiß. Im Winter herrschen ausgezeichnete Schneeverhältnisse. Flora und Fauna zeigen eine außergewöhnliche Vielfalt.
Der ligurisch-keltische
Volksstamm der Quariaten, die der Gegend den Namen gegeben haben, siedelte
in frühgeschichtliche Zeit im Queyras. Bis in das 18. Jahrhundert
konnte die Bevölkerung eine weitgehende Unabhängigkeit bewahren,
lediglich in den Religionskriegen geriet diese Region wegen des sich
ausbreitenden Protestantismus in das Visier der Mächtigen und wurde
arg in Mitleidenschaft gezogen.
Doch zurück
zur Combe du Queyras! Wir halten mehrfach an, um Fotos zu machen.
Nach einem dieser Stops ereilt den Verfasser - für alle hörbar
- eine Reifenpanne. Eines der hinteren Bremsgummis hatte sich verzogen und
an einer Stelle die Reifenkarkasse aufgearbeitet. Das könnte länger
dauern! Die Mädel verziehen sich gleich in den Urlaub an den Fluß.
Dank des mitgeführten faltbaren Reifens ist das Problem schnell behoben.
Nach einer Straßeneinmündung bei Maison du Roy wird es erst richtig spektakulär. In dieser Herberge (Maison du Roy ) soll Ludwig XIII. auf seinem Weg nach Italien 1629 Rast gemacht haben; das Gemälde mit dem französischen Wappen ist angeblich ein Geschenk des Königs. Durch das sich verengende Tal geht es längs einer hohen Felswand, später durch mehrere Tunnel weiter nach Guillestre, einem florierenden Marktort.
Die Straße zum
Col de Vars biegt bereits vor dem etwas unterhalb liegenden Ortskern
von Guillestre an einem Kreisverkehr ab. Um Höhenmeter zu sparen,
verabreden wir, daß die Frauen direkt zum Col de Vars fahren, während
wir Männer im Ort einen neuen Reifen kaufen. Während des
Reifenkaufs klingelt das Handy. Der Vars sei ab St. Paul-sur-Ubaye
gesperrt, so die Mitteilung unserer Frauen. Bei der Nachfrage im
Sportgeschäft berichtet ein Kunde, daß dort oben Bauarbeiten in
einem Tunnel stattfänden und daß die Strecke wohl auch für
Radfahrer unpassierbar sei. Offizielle Stellen der Straßenbauverwaltung
und der Préfecture waren am Telefon nicht erreichbar. Die genaue Ursache
der Sperrung der Var-Passes kann im Reisebericht
»Westalpen« von Christian Flenker nachgelesen werden.
Wieder einmal heißt es umzuplanen. Die Alternativstrecke entlang der Durance und Ubaye bedeutet einen Umweg von 50 Kilometern. Wir entschließen uns, am heutigen Nachmittag noch bis Embrun zu fahren. Unterhalb von Mont Dauphin, einer weiteren Vauban-Festung, kommen wir an die Durance. Die Strecke ab hier ist uns vom Vorjahr bekannt. Wir verlassen gleich in St. Clément-sur-Durance die stark befahrene N94. Über die D994 erleben wir am linken Talhang ein ständiges Auf und Ab. Gegen einen böigen Wind, der in der Gegend anscheinend immer bläst, kämpfen wir uns Kilometer um Kilometer vor.
Embrun liegt auf einem Felsplateau oberhalb der Durance, die wenige Kilometer flußabwärts zum Lac de Serre-Ponçon aufgestaut ist. Sehenswert ist in Embrun die Kathedrale Notre-Dame-du-Réal aus dem 12. Jahrhundert. Bereits im 4. Jahrhundert war Embrun Bischofssitz, 804 wurde es zum Erzbistum erhoben. Im uns bekannten Hotel de la Mairie suchen wir Unterkunft, leider ist nur noch ein Zimmer frei. Nach einigen Mühen finden wir schließlich eine andere Bleibe, in der wir gemeinsam übernachten können. Das Abendessen nehmen wir bei angenehm warmen Temperaturen vor dem Restaurant des Hotels de la Mairie ein. Sämtliche Plätze sind ausgebucht. Der Familienbetrieb schafft es, insbesondere durch das straffe aber freundliche Management der Chefin, alle Gäste zuvorkommend zu bedienen.
. Statt in Vars-les-Claud übernachten wir in Embrun.
, schauen wir uns erst einmal die Cathédrale Notre-Dame-du-Réal an. Das im 12./13. Jahrhundert errichtete Bauwerk verdankt sein besonderes Erscheinungsbild dem Wechsel zwischen schwarzem Schiefer und weißem Kalkstein. Ein wenig hat uns dieses Gotteshaus an die ein oder andere Kirche in der Toskana erinnert.
Zwei Kilometer
nach dem Ortsende von Embrun gelangen wir an den Lac de
Serre-Ponçon, es soll der größte Stausee Europas sein.
Nach weiteren acht Kilometern können wir in Savines-le-Lac die
N94 verlassen. Jetzt geht es auf der D954 wieder ruhiger zu. Bis le
Sauze-du-Lac zieht sich die Straße fast kontinuierlich nach oben.
Wir passieren die Desmoiselles coiffées de Pontis, zwölf
bizarre Felssäulen. Die Felsbrocken auf deren Spitze komprimieren
das darunterliegende weiche Gestein und komprimiert es. Le Sauze-du-Lac
liegt auf einer Felsterrasse oberhalb des
Lac de
Serre-Ponçon mit einem herrlichen Blick auf den See und
dahinterliegenden Gebirgsformationen des Mont Colombis. Wir machen
aus der Ferne die Straße über den Col Lebraud aus, die
wir im Vorjahr gefahren sind.
Es folgt eine kurvenreiche Abfahrt hinunter zu Seeufer, an dem wir noch einige Kilometer entlang bis zur Brücke über die Ubaye fahren. Es ist ein heißer Tag. Wir radeln über die teilweise breit ausgebaute D900 flußaufwärts in Richtung Barcelonnette und kämpfen gegen den ablandigen Wind. In den verwinkelten Gassen von le Lauzet-Ubaye finden wir einen kleinen Krämerladen, in dem wir alles Notwendige für ein Picknick kaufen können. Ein paar Kilometer weiter, auf einem großzügig angelegten Picknickplatz, lassen wir uns zur Mittagspause nieder. Sonne und Wind sind nicht richtig aufeinander abgestimmt: im Schatten ist es durch den Wind zu kühl, in der prallen Sonne zu heiß.
Die Entstehung von Barcelonnette im Zentrum des Ubaye-Tals wird auf das Jahr 1231 datiert. Der Graf von Barcelona und Provence gründete die Bastide. Lange Zeit gehörte Barcelonnette zu Savoyen bis es 1713 an Frankreich fiel. Die für eine Bastide typische rechteckige Anordnung der Häuserblöcke ist bis heute weitestgehend erhalten geblieben. Wir schieben unsere Räder durch die bevölkerte Fußgängerzone und kommen angesichts der Anzahl und der Qualität der Geschäfte ins Staunen. Soviel emsige Geschäftigkeit haben wir hier nicht erwartet.
In Barcelonnette zweigen zwei Paßstraßen aus dem Ubayetal ab: zum Col d'Allos (2247 m) und die offizielle Route des Grandes Alpes zum Col de Cayolle (2326m). Letztere Verbindet das Tal der Ubaye mit dem des Var. Wir bleiben im Tal auf der D900 bis Jausiers, wo wir gegen 15 Uhr eintreffen. Heute noch den Col de la Bonette in Angriff zu nehmen, halten wir angesichts der fortgeschrittenen Zeit für nicht sinnvoll.
Gleich am Ortseingang von Jausiers befinden sich direkt nebeneinander zwei Hotels. Wir wählen das Bel Air, das uns einen besseren Eindruck macht. Wir werden freundlich empfangen, die Zimmer sind o.k. Wir können die Räder in einer umschlossenen Garage abstellen. Einen Tisch für das Abendessen reservieren wir direkt, auch wenn es nur ein Menu gibt.
Nach dem Duschen und ein wenig Ruhe begeben wir uns zu Fuß in die Stadt, ein ca. ein Kilometer langer Fußmarsch bei noch sehr warmen Temperaturen. Das Zentrum von Jausiers ist recht klein, kein Vergleich mit Barcelonnette. Bei einem Bierchen werden die in der Fußgängerzone bummelnden Leute beäugt, kommentiert durch die ein oder andere Bemerkung.
Abendessen ist im Hotel um 19.30 Uhr. Beide Hotels sind mittlerweile voll ausgebucht. Immer wieder werden Reisende mit dem stereotypen Satz der Chefin abgewiesen: »Je suis très désolée, l'hôtel est complet.« Das "typisch französische" Menu überrascht dann doch: kalte Gemüsesuppe mit Croûtons, Rahmspinat mit gekochten Eiern und Kartoffelkroketten, Glace 'Fürst Pückler'.
Anschließend auf der Terrasse kommen wir bei einem Glas Wein mit einem einzelnen Herrn ins Gespräch, der zuvor am Nachbartisch des Speisesaals gesessen hatte. Er ist allein mit seinem Rennrad und Auto unterwegs. Mit dem Auto fährt er von Standort zu Standort, um von dort mit seinem Rennrad jeweils einen, ggf. auch mehrere Pässe zu bezwingen. Am folgenden Tag will er wie wir zum Col de la Bonnette.
.
Früh sind wir beim Petit
Déjeuner. Der Tag soll wieder heiß werden. Je früher wir
den 24 Kilometer langen Anstieg zum höchsten Paß der Alpen beginnen,
desto besser. An der Hauptkreuzung in Jausiers steht ein Wegweiser:
Nice 141 km. Das Ziel ist in eine begreifbare Entfernung gerückt.
Ein paar hundert Meter weiter beginnt der Anstieg. Noch ist es morgendlich
frisch, die Bergketten werfen lange Schatten auf ihr Gegenüber. In
Lans befinden wir uns endgültig oberhalb der Schatten.
Jeder Kilometer wird mit einem neuen Schild belohnt, wenn es
nicht gestohlen wurde. Ihm ist die aktuelle Höhenlage sowie die restlichen
Kilometer bis zur Paßhöhe zu entnehmen. Ein alter Spruch lautet:
»Nichts ist der Radlerfreundschaft abträglicher als unterschlagene
Höhenmeter!« Hier wird kein Höhenmeter verheimlicht.
La Prégonde
heißt die erste Kette von Kehren auf ca. 1600 m Höhe. Ein
Liegeradfahrer hinter uns, er wartet noch mit dem Überholen. Die Masse
der vorwiegend jungen Rennradler ('die mit den kleinen Ritzeln') zieht einer
nach dem anderen langsam an uns vorbei. Der Liegeradfahrer macht einen neuen
Versuch zu überholen, muß aber in den Kehren von le Pis
angesichts der Steigung erst einmal hinten bleiben.
Mittlerweile sind wir oberhalb der Waldgrenze. In einem Hochtal windet sie die Paßstraße, vorbei an Bächen und einem Tümpel, hinauf zu den Casernes de Restefond, einer Verteidigunganlage, die zur "Maginot-Linie" gehört, mit welcher Frankreich nach dem 1. Weltkrieg seine Westgrenze schützen wollte. Zwischen Col de Restefond und Col de la Bonette wimmelt es geradezu von Bunkern und Geschützstellungen. Die teilweise verfallenen Gebäude der Kaserne werden zur Zeit restauriert.
Die
Straße war seit alters von strategischer Bedeutung, Kaiser Napoléon
III. ließ sie 1860 ausbauen. Häufig liest man die Bezeichnung
"Col de Restefond/la Bonette". Zwischen le Restefond und dem
Col de la Bonette verläuft die Trasse auf der Nordseite relativ
flach. Die Verbindung von le Restefond und dem Col de Raspaillon
(2513 m) über den Col de Restefond (2680 m) war die
kürzeste Wegstrecke, auf der Südseite war sie aber sehr steil und
damit für den motorisierten Verkehr ungeeignet. Mountainbikes können
diesen Pfad heute noch befahren; im übrigen gibt es auch eine
Mountainbikeverbindung über den (falschen) Faux Col de
Restefond mit 2656 m Höhe zum Col de la Cayolle. Die gut
ein Kilometer lange Fortführung der Straße entlang der Nordseite
des Kammes zum Col de la Bonette (2715 m) verringerte die Steigung
auf der Südseite in Richtung Col de Raspaillon beträchtlich.
Dies ist auch heute der eigentliche Paßübergang. Ihre endgültige
Trasse erhielt die Route Restefond/la Bonette in den Jahren 1960-61,
wie die Inschrift auf dem "Hinkelstein" am Cime de la Bonette zeigt.
Es mußte aber die höchste Paßstraße der Alpen. Um
den bis dahin höchsten Paß der Alpen, den Col d'Iseran mit seinen
2770 m ü. NN, zu übertreffen, wurde um den Kegel des Cime de
la Bonette eine schräg liegende Schleife bis zu einer Höhe
von 2802 m ü. NN gebaut. Die einbahnige Schleife mit bis zu 14 %
Längsneigung beginnt und endet am Col de la Bonette und ist somit
verkehrlich sinnlos. Die Angaben über die verschieden Pässe
(Restefond/Bonette) differieren in den Quellen derart, daß versucht
wird, in der
im aktuellen Link
wiedergegebenen Information Aufhellung in die Begriffs- und
Höhenangabenvielfalt zu bringen.
Zurück
zum Tagesgeschehen. Der Liegeradfahrer ist irgendwann mal an uns vorbeigezogen.
In Höhe der verfallenen Kaserne Restefond verringert sich kurzzeitig
die Längsneigung. Es wimmelt vor Fußgängern: die Insassen
der beiden Busse, die uns sehr weit unten überholt haben. Weiter als
bis hier dürfen Busse nicht fahren. Nach der Kaserne die letzten Kehren,
dann steigt es noch einmal kräftig an bis in die Höhe des Faux
Col de Restefond. Ab dort zieht sich die Straße moderat steigend
knapp unterhalb des Kamms bis zum Col de la Bonette. Hier ist für
uns die Auffahrt zu Ende. Am Westhang des Passes steht links eine Betkapelle,
N.-D.-du-Très-Haut. Die Schleife um den Cime de la Bonette
ist gesperrt. Dicke Betonklötze versperren den Weg. Für Radfahrer
ist die Sperrung nicht engmaschig genug, ein 'Offizieller' rät uns,
auch angesichts des stürmischen Winds, von der Weiterfahrt ab, die
Imbißbude oben sei ohnehin geschlossen. Was nun? Nach einiger Diskussion
verzichten wir auf die letzten 87 Höhenmeter. Ein Grund, diesen Paß
noch einmal zu fahren!
Inschrift an der höchsten Stelle der Straße:
Route de NICE à BRIANÇON classée impériale
Travaux éxécutés
MM. MATHIEU Ingénieur en Chef
Années 1987 et suivantes: Travaux de restauration |
Wir
genießen das Panorama, schießen Fotos, unterhalten uns mit einigen
Leuten. Ein Motorradfahrer: »Warum seid Ihr so verrückt, mit dem
Fahrrad diese Höhen zu erklimmen?« Wir geben die Frage zurück.
Aber auch Anerkennung wird uns von Motorbikern entgegen gebracht, man habe
selbst mit der Strecke, den Kurven, den Straßenunebenheiten genug zu
tun gehabt, wieviel mehr müssen wir und als 'Muskelbiker' angestrengt
haben.
Wir machen uns fertig
zur Abfahrt: langärmlige Trikots, Windjacken, Helm, usw. Als
wir gerade weiterfahren wollen, kommt der Rennradler aus unserem Hotel vom
Vorabend an. Ein paar Worte über die Befindlichkeiten, Austausch der
'Daten' über den Anstieg, ein freundlicher Gruß, dann 'stürzen'
wir uns zu Tal. Ab nach Nizza!
Die Abfahrt ist im oberen Abschnitt nach wie vor steil, obwohl sie durch die Verlängerung über den Col de la Bonette entschärft wurde. Entlang einem Talkessel, in dem die Tinée entspringt, geht es bergab. Bis zum Champ des Fourches kann man zügig fahren, keine Kehren und engen Kurven. Trotzdem ein Halt zum Sammeln der Crew und zum Entspannen der vom Bremsen verkrampften Finger. In dem 1912 erbauten Camp des Fourches, heute ein fast verfallener Kasernenkomplex war bis Ende des Zweiten Weltkriegs ein Bataillon der französischen Gebirgsjäger untergebracht.
Jetzt wird die Straße kurvenreichen, eine Serie von Kehren ist bis Bousiéyas zu meistern. Kehren, eng und steil, besonders auf der Innenseite, den Blick bei der Abfahrt geradeaus hinunter in den Abgrund, zur Sicherheit klickt man, fast Schrittgeschwindigkeit fahrend, mit einem Fuß aus der Pedale. Zwei Motorradfahrer, die dem Verfasser die Strecke ab Camp des Fourches bis Bousiéyas gefolgt sind, ohne zu überholen, sind ebenso von den Tücken der Abfahrt beeindruckt. Mögen sie auch von den todesverachtenden motorisierten Zweiradrasern verachtet werden! Wie sie fahren, das ist gut so!
In Bousiéyas machen wir erst einmal Halt. In einer gîte d'étape greifen wir beim buffet montagnard zu: Salat mit grünen Linsen. In der warmen Sonne schöpfen wir Kraft für die weitere Abfahrt. Wie notwendig dies ist, wird sich noch im Laufe des Nachmittags herausstellen.
Noch drei Kehren, dann wird die Straße flacher. Tausend Höhenmeter Abfahrt sind bereits geschafft. An der Pont Haut überqueren wir zum zweiten Mal die Tinée. Hier zweigt die Straße nach St-Dalmas-le-Selvage ab, dem höchsten Dorf des Departements Alpes-Maritimes. Ein paar Kilometer weiter liegt oberhalb des schäumenden Flusses das malerische Alpenstädtchen St-Éienne-de-Tinée, umgeben von einer großartigen Bergkulisse. Es werden gerade Vorbereitungen für den morgigen Nationalfeiertag getroffen. Sehenswert ist die Kirche mit einem romanischen Glockenturm im lombardischen Stil mit einer hohen, oktogonalen Spitze aus dem Jahr 1492. Leider können wir das Innere nicht besichtigen, die Kirche ist abgeschlossen. Über eine Seilbahn und einen Sessellift ist St-Éienne-de-Tinée mit den Skipisten des oberhalb liegenden Auron verbunden. Schluß für heute? Nein, um drei Uhr wird weitergefahren.
Die alte Talstraße ist auf einer Länge von einem Kilometer unterbrochen. Am rechten Talhang steig die neue D2205c unerwartet bis zum Abzweig nach Auron an. Über zwei Kehren kommen wir wieder zurück auf den Talgrund. Noch ist die Fahrt flott, aber wir müssen bei aufkommendem Gegenwind bereits mittreten. Die D 2205 in Richtung Isola führt vorbei an den schneebedeckten Gipfeln an der italienischen Grenze. Die Abhänge beiderseits der Tinée sind von Gebirgsbächen durchzogen. Der Wind wird stärker. In einer Viererkette radeln wir dicht hintereinander im Windschatten. Wer zurückfällt hat verloren.
Die Straße zur Linken führt an der Cascade de Louch vorbei, deren Wasser aus 100 m hinunter zur Tinée stürzt, weiter durch das Vallon de Chastillon nach Isola 2000, einer französischen Ski-Retorte. Im Sommer kann man über den 2350 m hohen Col de la Lombarde nach Italien fahren. Die D 2205 zieht sich weiter bergab durch das Tinée-Tal und die düstere, karge Gorges de Valabres. Kurz vor St. Sauveur mündet von rechts die D 30 ein. Wir begegnen wieder dem wohlbekannten Schild 'La Route des Grandes Alpes'. Vom Col des la Cayolle führt die Route über Guillaumes, Valberg und den Col de la Couillole ins Tinée-Tal. Nach bereits vier Kilometern biegt diese großartige Alpenstraße wieder nach rechts in Richtung St. Martin-Vésubie und Col de Turini ab.
Wir bleiben im Tinée-Tal. Auch in St. Sauveur-de-Tinée ist es noch zu früh zum Quartier suchen. Der Ort besteht aus einem Geflecht verwinkelter Sträßchen, die hohe, mit Vordächern versehene Häuser säumen. 14 Kilometer flußabwärts liegt hoch (641 m) über dem Tal der mittelalterlich gebliebene Ort Clans. In Pont-de-Clans passieren wir ein Hotel, es ist uns aber nicht einladend genug
Auf dem Weg von ihrer Quelle beim Col de la Bonette bis zur Mündung in den Var wechseln sich im Tinée-Tal enge Schluchten mit weiten Talmulden ab. Beidseits des Flusses säumen malerische, auf Bergterrassen oder an den Fels gebaute Bergdörfer die Hänge. Unter überhängenden Felsen der Gorges de la Mescla zieht sich die Straße durch die Schlucht, dann mischen sich bei Pont de la Mescla die Wasser von Var und Tinée.
Es mischen sich aber nicht nur die Wasser, auch die Verkehrsströme vereinigen sich und schwellen radfahreruntaulich an. Ein ungefähr ein Kilometer langer Tunnel wurde bei der Vorbereitung der Tour auf der Karte ausgemacht. Wir können ihn auf der 'alten' N202 umfahren, so ist es aus der Karte herauszulesen. Pustekuchen, die alte Straße wurde zur Einbahnstraße in der Gegenrichtung bergaufwärts erklärt. Nach einige Irrfahrten landen wir doch auf der N1202 im Tunnel. Wir hatten - es ist in der Tourplanung ersichtlich - ohnehin nicht vor, auf der Hauptstraße N202 weiter bis Nizza zu fahren. Die ersten zwangsweise gefahrenen Kilometer auf dieser Straßen bestärken uns, nicht den einfachen Weg, ohne weitere Steigungen, nach Nizza zu nehmen. »La RN202: la nationale de tous les dangers.« schreibt am 15.07.2001 nice-matin. Nicht, weil wir zwei Tage vorher die Straße benutzt haben, sondern weil es die gefährlichste Straße im Departement ist.
In Pont Durandy verlassen wir diese gefährliche Straße. Sofort kehrt Ruhe ein. Wir entfernen uns wieder unserem Ziel, in nordöstlicher Richtung fahren wir im Vésubie-Tal flußaufwärts. Im Tal ist die Steigung moderat. Wir hoffen - die Zeit ist jetzt endlich danach - in St. Jean-la-Rivière ein Hotel zu finden. In St. Jean und den angrenzenden Weilern werden wir nicht fündig. Wir sehen zwar das ein oder andere Hinweisschild an der Straße, die Etablissemants haben sich sich entweder atomisiert oder sie sind ganz einfach geschlossen worden.
Es hilft nichts, wir müssen heute noch einmal ganz kräftig bergauf in die Pedale traten. Wir zählen die verpaßten Gelegenheiten (Hotels), so ist das im Leben! Heute morgen hätten wir den Anstieg zum Belvédère du Saut des Français locker weggesteckt, jetzt steckt er uns in den Beinen. Das Wasser wird knapp. Ganz so schlimm dran wie die armen französischen Soldaten sind wir aber noch nicht. Diese mußten auf Geheiß der Barbets (Verteidiger der Grafschaft Nizza) im Jahr 1793 von hier in die Tiefe springen. Es geht ca. 300 m senkrecht nach unten!
In der Ortschaft Duranus finden wir am Ortsbrunnen Wasser aber kein Hotel. Ein Schwatz mit Einheimischen bringt Gewißheit: Wir müssen bis Levens, hier gibt es Übernachtungsmöglichkeiten. Das kann ja nicht mehr so schlimm sein! Jetzt sind wir wieder auf einer Meereshöhe von 500 m, Levens liegt auf 520 m. Nach geht es erstmal bergab, die Abfahrt will, oh Schreck, nicht enden. Ein prüfender Blick in die Karte bestätigt die Richtigkeit der Topographie. Nach einer Bachbrücke steigt die Straße wieder. Erstmals sind wir am heutigen Tag froh, daß es nicht weiter bergrunter geht. Mit letzter Kraft erreichen wir Levens, 135 Kilometer haben wir heute schon hinter uns.
Kurt, wie immer vorausgeeilt, wartet vor einer Pension. Aber so alt, daß sie uns aufnimmt, sind wir noch nicht. Diese Pension ist ein Altenheim: Pension de Troisième Age. Schließlich finden wir bei les Traverses (Ortsteil von Levens) ein Hotel, es hat noch Zimmer frei. Beim Abendessen auf de Terrasse erwachen in uns langsam wieder die Lebensgeister. Morgen geht es dann definitif nur noch bergab. Ganze 25 Kilometer liegen noch vor uns, bevor das Meer erreichen. Müde gehen wir zu Bett.
14. Juli - Nationalfeiertag in Frankreich. Mit den Frühstück lassen wir uns Zeit. Wir sind die letzten Gäste, die am Vormittag das Hotel verlassen. In Tourrette-Levens sehen wir einen geöffneten Supermarkt, in dem wir für die morgige Rückreise Proviant einkaufen. Weiter lassen wir es bergab laufen. Der Verkehr hält sich an diesem Vormittag in angenehmen Grenzen.
Kurz vor Mittag sitzen
wir in der Altstadt von
Nizza (Nice)
vor einem Salon de Thé und schlürfen unseren verdienten Hopfentee.
Wir sitzen mitten im Touristenrummel, welch ein Kontrast zum Vortag! Der
Place Rossetti gegenüber der Kathedrale Sainte-Réparate ist mit
seinen Straßencafés, Restaurants und Eisdielen einer der belebtesten
Plätze Nizzas. Die Kathedrale wurde im 17. Jahrhundert zu Ehren der
jungen Märtyrerin Sainte Réparate, der Schutzheiligen Nizzas
errichtet.
Im Hôtel L'Oasis eine grüne Oase im Zentrum von Nizza, wie das Hotel sich zu Recht bezeichnet, finden wir freie Zimmer. Die Räder werden in einer Ecke des umzäunten Hotelgartens zusammengebunden, bepackt mit unseren Radtaschen betreten wir die klimatisierten Hotelzimmer. Nach 25 Kilometern schon wieder duschen ist eigentlich Wasserverschwendung. Trotzdem, nach dieser Erfrischung von Außen begeben wir uns auf einen Stadtrundgang. Über die Rue Gounod und die Rue Meyerbeer (benannt nach zwei französischen Komponisten des 19. Jahrhunderts) erreichen wir nach ca. 800 Meter in der Nähe des weltbekannten Hotel Négresco die Strandpromenade 'Promenade des Anglais'.
Der
Promenade des Anglais, dieser wunderbare Boulevard am Meer entlang,
schmiegt sich an die Baie des Anges und war doch ursprünglich
nichts ein zwei Meter breiter Weg. Ein Engländer, Lewis Way, ließ
ihn 1820 auf eigene Kosten erbauen. Die lokale Bevölkerung nannte die
Promenade sofort "Weg der Engländer". In ihrer endgültigen Form
mit zwei durch eine Palmenallee getrennten Wegen, wurde die "Prom" 1931 von
dem Herzog von Connaught, einem der Söhne der Königin Victoria,
eingeweiht.
In einer Bucht nahe dem Hafen wurden die Besiedelungsspuren bereits aus der Zeit ca. 30 000 v. Chr. gefunden. Nikaia, wie Nizza hieß, wurde ungefähr 600 vor Chr. von den Griechen gegründet. Später gehörte es zum Römischen Reich und erlebte eine erste wirtschaftliche und kulturelle Blüte. Ab dem Jahr 13 v. Chr. bauen die Römer auf dem Hügel von Cimiez in der Nähe von Nikaia eine zweite Stadt, Cemenelum. Die Ruine der Thermalbäder und die Arenen zeugen von dieser Epoche.
Der Sarazenen verwüsten 813 die Stadt und dehnen ihre Beherrschung auf die ganze sogenannte Ostprovence, die sog. Küste der Mauren aus. Guillaume, der Comte der Provence, verjagt sie 972. Im Mittelalter ist Nizza Teil der Grafschaft Provence. 1176 wird die erste Charta der Stadt erstellt. Die untere Stadt wird ein reges Handelszentrum. Nach dem Tod der Königin Jeanne de Provence im Jahre 1382 entflammt ein Bürgerkrieg. Um seinen siegreichen Gegnern zu entkommen stellt sich Nizza 1388 unter den Schutz italienischen Hauses Savoyen und wird zur Hauptstadt der Grafschaft. Nizza wird eine echte Festung im Zentrum des Abwehrsystems der Comtes de Savoie gegen die Franzosen und ihre Verbündeten. 1543 wird die türkische Flotte dank des Mutes der Niçois zurückgedrängt. Das 17. Jahrhundert ist durch viele barocke Bauten geprägt und wird durch die Belagerungen durch französische Truppen in den Jahren 1691 und 1705 beendet. Nach der 2. Belagerung schleift die französische Armee die Befestigungsanlagen.
Nizza bleibt dem Herzog von Savoyen treu - Grafschaft Savoyen bis in 1416, Herzogtum Savoyen von 1416 bis 1720 dann bis 1860 Königreich Sardinien. 1792 dringen revolutionäre französische Armeen in Nizza ein, 1793 wird das Departement Alpes-Maritimes geschaffen. 1814 wird Nizza an den König von Sardinien zurückgegeben. Obwohl sie durch einen Volksentscheid im Jahr 1860 endgültig zu Frankreich gehört, ist die Stadt geprägt durch die 500 Jahre dauernde italienische Vergangenheit. Es ist der Beginn einer neuen Wirtschaftsentwicklung, Eisenbahnen und Straßen werden gebaut, Voraussetzung für den aufkommenden Tourismus.
Nizza entwickelt sich die Stadt rasch zur Winterhauptstadt Europas, Adlige und gekrönte Häupter geben sich ein Stelldichein. Besonders aus England kommen viele Familien, um den Winter im milden Mittelmeerklima zu verbringen. Sie bauen Hotelpaläste und Villen, legen Straßen und Promenaden an, die bekannteste ist die Promenade des Anglais, die durch die ganze Bucht führt. Heute ist Nizza mit ca. 350.000 Einwohnern die einzige Großstadt an der Cote d´Azur.
In den 60er Jahren beginnt dann ein umfassender Strukturwandel. Nizza schafft es trotz Industrie den Charme der Belle Epoche zu erhalten. Die Stadt ist die Symbiose aus Großstadt und Badeort gelungen und die Königin der Küste geblieben. Nizza ist ob dieser bewegten Vergangenheit stolz und bewahrt ihr Kulturgut und ihre Sprache - das Nissart,. Das ganze Jahr über werden traditionelle Feste gefeiert, wie le Carnaval, les Batailles de Fleurs, la Fête des Cougourdons, la Fête des Mais, le Renouvellement des Voeux, la Fête de la Vigne, la Fête de la Saint-Pierre oder auch la Fête de la Saint Jean.
Nizza belohnt jeden, der sich hier treiben lässt, der sich in den Gässchen der Altstadt verläuft, bevor er die Promenade des Anglais ansteuert , und der dann im Herzen der Stadt auf Entdeckungsreise geht und die architektonischen und kulturellen Schätze, die Parks und Gärten aufsucht.
Jeden Vormittag (außer montags, der den Trödlern zur Verfügung steht) findet am Cours Saleya ein Obst- und Gemüsemarkt statt und, den ganzen Tag über der berühmte Blumenmarkt. Zahlreiche Restaurants und Boutiquen sorgen an dem Platz noch zusätzlich für Animation. Wir verpassen den Blumenmarkt, in der Annahme, am Nationalfeiertag finde er nicht statt. Als wir zum Cours Saleya kommen werden gerade die letzten Marktstände abgebaut und das Pflaster abgespritzt. Zu einem kleinen Imbiß am Nachmittag lassen wir uns vor einem der Bistros nieder.
Weiter geht es bei unserem Stadtrundgang. Die Stadt füllt sich mehr und mehr. Schlangen von Auto stehen vor den Parkplätzen und Parkhäusern. Wir kehren noch einmal zu unserem Hotel zurück, um eine Stunde die schmerzenden Füße hochzulegen. Pflastertreten ist doch anstrengender als Pässefahren!
Am Abend sitzen wir wieder am Cours Saleya, vor uns eine verträumte Meeresfrüchteplatte: huitres, crevettes, clams, oursins, langoustines, tourteaux, bigorneaux, bulots. Ein gelungener Abschluß unserer Radtour! Nach dem Essen mischen wir uns unter die Menschenmenge auf der Promenade des Anglais in Erwartung des großen Feuerwerks zum Nationalfeiertag. Es ist ein außergewöhnliches Feuerwerk, nicht weil es besonders üppig ist, nein, es sollt bereits im Dezember 2000 anläßlich des Europäischen Gipfeltreffens von Nizza abgefeuert werden. Angesichts der Krawalle und Gewalt in der Stadt, verübt von den sog. Globalisierungsgegern, wurde es kurzerhand abgesetzt.
Nach dem Feuerwerk ist Volksfeststimmung in der gesamten Innenstadt. Ein kurzer Regenschauer gegen Mitternacht kann die Stimmung nicht trüben.
Der Computer findet für die Rückreise drei Alternativen einer Zugfahrt mit Fahrradtransport heraus (vermerkt sind jeweils die Umsteigebahnhöfe):
Wir nehmen, wie im Vorjahr, den Bus, die Fahrzeit ab Nizza beträgt ca. 11 Stunden. Die bayerische Fa. Ettenhuber betreibt den «Côte d'Azur Express», der am Samstag von München zur Côte d'Azur fährt und am Sonntag zurück. (Anm.: der Betrieb des Côte d'Azur Express wurde mittlerweile eingestellt.) Nach einer angenehmen Fahrt mit freundlichen Busfahrern erreichen wir wieder München.
In München waren am späten Nachmittag schwere Gewitter mit Sturm und Hagelschlag niedergegangen. Wir müssen uns auf dem Nachhauseweg vom Hauptbahnhof durch jede Menge nasses Laub und zum Teil über abgebrochene Äste quälen.
Welche Pässe fahren wir nächstes Jahr?
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| Stand: 16. September 2009 |
Copyright©: Hubert Becker, 2001
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