Heinrich Schlier in Ispei

von Hermann-Josef Geismann

Vorbemerkungen:

Es gibt einen aktuellen Anlaß, um an Heinrich Schlier zu erinnern:

Reinhard von Bendemann, Jahrgang 1961, Theologe aus Düsseldorf, hat nach jahrelanger Forschungsarbeit der Evangelisch-Theogischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn eine Dissertation im Fach Neues Testament vorgelegt, die den Titel tragt:

Heinrich Schlier, eine kritische Analyse seiner paulinischen Theologie.1

Diese Arbeit wurde am 17.6.1993 abgeschlossen, im Sommer 1995 bei Chr. Kaiser im Gütersloher Verlagshaus verlegt und dadurch einem größeren Kreis von interessierten bekannt gemacht. Sicherlich wird sich dieser Interessentenkreis auf Theologen und Theologische Fakultäten in unseren Universitäten beschränken, doch was heimatgeschichtlich für Hemer zu berichten ist, soll dieser Beitrag beinhalten. Neben dem Lebenslauf von Heinrich Schlier soll er auch selbst zu Wort kommen und Theologen sollen über ihn und sein Werk etwas sagen:

"In den Ferien und an den Wochenenden zog sich Schlier nach Ispei zu seiner Familie zurück, um dort am Galaterbrief zu arbeiten". So schreibt Reinhard von Bendemann in seiner Dissertation auf Seite 27, Schluß des ersten Abschnitts.

"Heinrich Schlier war schon zu Lebzeiten einer der bedeutendsten Vertreter neutestamentlicher Wissenschaft, ein Charismatiker des theologischen Denkens mit durchtragender Sachlichkeit und ein Meister der Auslegung des Neuen Testamentes, der Schächte aufschließt und Schätze zu Tage bringt, dies alles mit der hohen Kunst der Sprache und diese wieder mit logischer Präzision vereint." (Seite 11 der oben genannten Dissertation, zweiter Abschnitt.)

Familie Schlier wohnte, nachweislich des Einwohnermeldeamtes der Stadt Hemer, von 1938 bis 1959 in Ispei 20 (heute Ispei 43) in der Gemeinde Frönsberg, Amt Hemer (heute Stadt Hemer). Die Besitzung wurde erst 1989 verkauft. Hier in Ispei ist eines seiner bedeutendsten Werke

Der Brief an die Galater
Übersetzt und erklärt von Heinrich Schlier

entstanden und 1949 erstmalig bei Vandenhoek & Ruprecht in Göttingen erschienen. Es ist noch heute ein begehrtes Buch und erschien 1989 in fünfzehnter Auflage.

Heinrich Schlier war Paulus-Forscher, also "Neutestamentler".

Aber nicht nur dieses Buch ist in Ispei entstanden, sondern Heinrich Schier führte auch einen umfangreichen Schriftwechsel von Ispei aus. In der genannten Dissertation sind Nachweise geführt, daß wichtige Briefe an für die damalige Zeit bedeutende Wissenschaftler - Theologen und Philosophen - geschrieben wurden.

Der Lebenslauf

Heinrich Schlier wurde am 31. März 1900 in Neuburg/Donau geboren. Sein Vater Dr. Heinrich Schlier, war Militär-Generalarzt. Seine Volksschulzeit verbrachte Heinrich Schlier in Neuburg und Landau (Pfalz), seine Gymnasialzeit in Landau und Ingolstadt. 1918 leistete er den Militärdienst im 6. bayrischen Feldartillerie-Regiment ab. 1919 machte er in Ingolstadt das Abitur. Von 1919 bis 1924 studierte er evangelische Theologie in Leipzig und Marburg.

Im Juli 1924 legte er sein erstes theologisches Examen ab und war danach bis 1926 wissenschaftlicher Mitarbeiter von Prof. Dr. A. Jülicher an der Universität Marburg. Im Februar 1926 promovierte er zum Dr. theol. Danach schlossen sich die Predigerausbildung und eine Stelle als Vikar und Hilfspfarrer in Berga an der Elster an.

Das zweite theologische Examen legte Heinrich Sehtier 1926 in Eisenach ab. Danach war er Pfarrer in Berga bis Oktober 1927 und Pfarrer in Casekirchen/Thüringen bis April 1930.

Am 30. November 1927 heiratete Heinrich Schlier Frau Erna Hildegard Haas. Der Ehe entstammen vier Kinder: Christoph (1930), Thomas (1931), Barbara (1933) und Veronika (1936). Alle Kinder besuchten die Volksschule in Frönsberg und die damalige Oberschule für Jungen - heute Friedrich-Leopold-Woeste-Gymnasium in Hemer.

Sein Sohn Thomas besuchte von 1940 bis 1948 gemeinsam mit dem Verfasser dieses Aufsatzes eine Klasse dieser Oberschule.

1928 habilitierte sich Heinrich Schier an der Universität Jena, 1930 an der Universität Marburg, dort als Privatdozent.

Als junger Professor las Schlier auch an der Universität Halle. Der Lehrauftrag erstreckte sich auf neutestamentliche Exegese, aber auch auf Griechisch-Kurse. Ab Juli 1933 war Schlier Kirchenältester im Kirchenvorstand der Lutherischen Gemeinde in Marburg.

Nachdem er 1934 und 1935 als Vertreter einer ordentlichen Professur an der Universität Halle gelesen hatte, sollte eine Berufung als Ordentlicher Professor erfolgen. Diese wurde von Berlin aus abgelehnt. Schlier gehörte zur Bekennenden Kirche, er lehnte eine Reichskirche ab.

Auch der Antrag der Marburger Theologischen Fakultät auf Ernennung zum "außerplanmäßigen außerordentlichen Professor" wurde von Berlin im Juni 1935 abgelehnt, Im gleichen Jahr gab er aus politischen Gründen die "Venia legendi" (Erlaubnis, an Hochschulen zu lehren) zurück, weil er mit dem Regime nicht einverstanden war. Noch im Jahre 1935 wurde ihm die Leitung der "Kirchlichen Hochschule" in Wuppertal-Elberfeld übertragen. Diese wurde am Gründungstag (1. November 1935) verboten.

1935 trat Heinrich Schlier in der Lehrkörper der schon bestehenden reformierten "Theologischen Schule e. V." in Wuppertal-Elberfeld ein und übte dort seine Lehrtätigkeit aus. Diese Schule wiederum wurde 1936 geschlossen, aber illegal und getarnt bis 1940 weitergeführt.

1936 wurde Heinrich Schlier Gründungsmitglied bei der "Arbeitsgemeinschaft lutherischer Pastoren im Rheinland".

1937 wurde er Pfarrer der Lutherischen Bekenntnisgemeinde in Wuppertal-Elberfeld bis 1940. Zeitweise Freistellung für wissenschaftliche Arbeiten.

Ab 1938 bis 1989 Besitzung in Ispei / Amt Hemer, wohnhaft dort bis 1951, bis 1959 als Zweitwohnsitz. Von hier aus schrieb er viele Briefe, z. B. an die Professoren Rudolf Bultmann / Marburg und Erik Peterson / Rom, sowie viele Wissenschaftliche Arbeiten, Aufsätze, Predigten und an den Grundzügen zum Galaterbrief (Übersetzung und Kommentar!)

Ab 1. November 1945 war er Ordentlicher Professor für Neues Testament und Geschichte der alten Kirche der Universität Bonn als Nachfolger von Prof. Erik Peterson, der 1934 nach Rom gegangen war, allerdings, wie Heinrich Schlier schreibt, immer Heimweh hatte.

Ab 1946 Mitglied des ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen. 1946/ 47 auch Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät Bonn.

Am 12. Juni 1946 erhielt Heinrich Schlier die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät Marburg, 1948 die Berufung als Hochschulreferent nach Düsseldorf durch die nordrhein-westfälische Kultusministerin Christine Teusch bis 1949.

1952 Emeritieren als ordentlicher Professor der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Bonn und Ernennung zum Honorarprofessor der Philosophischen Fakultät Bonn.

1953 übertritt zur katholischen Kirche.

Ab 1958 gemeinsam mit Professor Karl Rahner Herausgabe der "Quaestiones disputatae"

Von 1962 bis 1978 Beteiligung an der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. 1966 Gastprofessor an der Universität Innsbruck, 1967/1968 auch an der Universität München als Lehrstuhlvertretung.

1968 - 1976 wurde Heinrich Schlier Berater der Unterkommission für Bibelfragen der Deutschen Bischofskonferenz und von 1969 - 1978 war er Berater der Kommission für Glauben und Sittenlehre der Deutschen Bischofskonferenz.

1969 erhält er die Ehrendoktorwürde der Universität Würzburg, 1970 die der Universität Innsbruck. 1970 wurde er auch Ehrenmitglied des Abt-Herswegen-Instituts der Abtei Maria-Laach.

Von 1971 bis 1975 war er Mitglied des Pfarrgemeinderates von St. Michael in Bonn. Dort predigte er auch gelegentlich.

1972 wurde Heinrich Schlier in die päpstliche Bibelkommission gerufen, die er aus Altersgründen 1974 wieder verließ.

1972 erhielt er die Würde eines Ehrendoktors der Theologie der Universität Salzburg.

Am 26. Dezember 1978 ist Professor Dr. Heinrich Schlier in Bonn verstorben. Er wurde am 29. Dezember 1978 in Bonn beigesetzt

Schon zu Lebzeiten gehörte er zu den führenden Exogeten unserer Zeit.

Bevor wir ihn selbst zu Wort kommen lassen, wollen wir hören, was Wegbegleiter über Heinrich Schlier sagen.

Josef Kardinal Ratzinger schrieb über ihn am Passionssonntag, München 1980, Seite VII:

"Als Heinrich Schlier am 26. Dezember 1978 aus dieser Welt abgerufen wurde, hat die Öffentlichkeit davon nur wenig Notiz genommen. Ein lautstarker Mann war Schlier nie gewesen: 'Er, der ein Meister des Wortes war und dem Wort in leidenschaftlicher Liebe zugetan gewesen ist, weil er in den Worten den suchte, der das Wort ist er hat eben darum jene Ehrfurcht vor dem Wort eingehalten, die ihm leeres und lautes Gerede verbot. Weil er um das Wort wußte, wußte er auch um die Größe des Schweigens.' Was der Grund dafür ist, daß sein Werk nicht zur Theologia publica  - zur Öffentlichkeitstheologie wurde, das ist darum zugleich auch der Grund für den Tiefgang und für die Beständigkeit seines Werkes. Es zu würdigen, es auszuwerten und auszuworten für die Verkündigung und für das Leben des Glaubens in der Kirche, wird noch auf lange Zeit eine Aufgabe der Theologen sein."

Prälat Robert Grosche, Köln, schreibt 1972 über ihn: Umschlag vorn und hinten aus dem Buch H. S: Der Geist und die Kirche:

"Die bedeutsame theologische Arbeit vollzieht sich heute in der Einzeluntersuchung, und es ist darum, dankenswert, daß hier zwanzig exegetische Aufsätze und Abhandlungen von Heinrich Schlier in einem Band erscheinen. Sie sind in den letzten zwanzig Jahren entstanden, mit einer Ausnahme vor der Konversion des Verfassers zur katholischen Kirche. Sie entspringen einer kirchlichen und theologischen Situation, die dazu zwang, das Problem der von den 'Mächten' dieser Welt bedrohten und dadurch zur Selbstbesinnung aufgerufenen Kirche zu überdenken, das hieß für den Verfasser, das Neue Testament immer eindringlicher nach der Kirche zu befragen. Diese Befragung geschah in einer immer deutlich werdenden prinzipiellen Auseinandersetzung mit der evangelischen Theologie, deren Schule auch der katholisch gewordene Exeget nicht zu verleugnen braucht. Ganze Kapitel neutestamentlicher Schriften kommen in diesem Sammelband zu eingehender Behandlung, besonders aus den Briefen an die Römer, Korinther, Epheser und den Pastoralbriefen. Thematisch werden unter anderem behandelt: das Mysterium Israels, Judentum und Heidentum, die natürliche Gotteserkenntnis, die Taufe, Hierarchie und Charisma, die Heilsgeschichte usw. Aber so zufällig die Wahl der einzelnen Themata auf den ersten Blick zu sein scheint, sie werden zusammengehalten durch eine Grunderkenntnis, daß das Wort Gottes Fleisch geworden ist."

Pastor Hellmut Straub, Stuttgart, schreibt 1953 über ihn: 1. Abschnitt:

"Heinrich Schlier ist konvertiert. Schon vor längerer Zeit, wohl zwei Jahren schied er auf eigenen dringenden Wunsch aus der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Bonn aus, der er seit 1946 als Ordinarius für Neues Testament angehört hatte. Er konnte es nicht mehr verantworten, evangelische Theologen auszubilden. So kommt dieser Schritt nicht unerwartet. Er ist - abgesehen von allen anderen, vielleicht viel entscheidenderen, uns unbekannten Gründen - aber notwendig allein in der Konsequenz der von ihm in den letzten Jahren vertretenen Lehre. Von ihr her sind auch wir nun eindringlich gefragt, die wir über unseren Bruder traurig und an ihm schuldig sind, und wie sollte das verschwiegen werden können? dem wir viel Trost und Belehrung dankbar bleiben."

Aus der Fülle von Büchern und Schriften, die uns Heinrich Schlier hinterließ, sollen im folgenden sich einige kleine Auszüge und Zitate anschließen, die die Tiefe seiner Gedankengänge und die Schönheit seiner Sprache unter Beweis stellen:

Liebe

"... ist ein Wesenszug der Liebe, der sich im gegenseitigen Gehenlassen und Verzeihen, im Zurückstellen eigener gerechter Ansprüche und eigenen gültigen Gerichtes darstellt, und in der Nähe vor allem der Güte, Sanftmut und Demut zu finden ist. Sie ist aber auch eine Art Geduld. Wird doch von ihr im Zusammenhang mit dem Ertragen von Leiden und dem steten Warten auf Erfüllung geredet."

Aus "Der Brief an die Galater". Seite 2592

Die Übersetzung und Erklärung wurde in Ispei verfaßt, wahrscheinlich in der Kriegszeit 1939/45.

Hoffnung

"Wo das menschliche Dasein nicht mehr in der Hoffnung zu Gott hin gespannt ist und in dieser Spannung gehalten ist, da schweift es aus, nicht etwa nur geschlechtlich, sondern auch in der Habgier, der Gier nach Habe aller Art, oder auch und allem zuvor in geistiger Ausschweifung, deren Symptome der Wortreichtum leeren Geredes, die Unersättlichkeit der Neugier, die Zügellosigkeit der Zerstreuung ins Vielerlei und Allerlei, die innere Rast- und Ruhelosigkeit, und schließlich die Unstetheit des Entschlusses, die Launenhaftigkeit und die Unständigkeit des Ortes, der heimatlose Aufbruch des Entwurzelten, sind."

Aus "Über die Hoffnung", Seite 143, verfaßt vor 1964.

Titel des Buches: "Besinnung auf das Neue Testament", Herder 1967.

Wohnhaus von Heinrich Schlier in Ispei

Wohnhaus von Heinrich Schlier in Ispei
Besitzung der Familie Schlier von 1938 bis 1989                 Zeichnung: Hermann-Josef Geismann

Taufe

"Überblicken wir diese paulinischen Aussagen über die Taufe, so wird uns deutlich von welchem geistlichen Gewicht diese einfache zeichenhafte Handlung ist, und was sie für das menschliche Leben bedeutet. Wir sind und wir existieren als Getaufte unserer Herkunft und unserer Zukunft nach in einer völlig anderen und neuen Wirklichkeit, ja wir sind eine völlig andere und neuere Wirklichkeit als die Ungetauften. Wir sind es noch verborgen, aber real und erfahren vor ihr her einen völlig neuen Zuspruch und Anspruch.

Das wird scheinbar weithin verdeckt dadurch, daß die Taufe der Erwachsenen im Lauf der Zeit zur sogenannten 'Kindertaufe' geworden ist. Diese stellt aber nicht eine Abirrung der Kirche dar, sondern hebt in sich die Eigenart der Taufe als solcher nur deutlicher hervor. Denn sie unterstreicht in ihrem Vorzug 1 ) die Objektivität des zuvorkommenden Handelns der Gnade Gottes, 2) die dringende Notwendigkeit der rechten Weiter- und Ausführung des in uns anfänglich fixierten Heilsgeschehens in der Taufe, in der Weise der unumgänglichen Hinführung zum Glauben und der Bewahrung im Glauben. Kirche, Gemeinde, Familie, Paten müssen dafür einstehen, daß die Taufe sich zur Taufe im Glauben auswächst und der Glaube sie bewahrt. Dazu muß man wissen: Die Taufe schenkt durch ihren Vollzug das Ungeheure der Gabe eines verborgenen neuen Lebens ,in Christus' und fordert - als Gabe! - seine ständige Realisierung in der Zeit zwischen Geburt und Tod."

Aus "Fragment über die Taufe''.

Titel des Buches: "Der Geist und die Kirche", Seite 150, Herder 1980.

Sprache

"Das neue Hören und Sprechen wird von uns gefordert inmitten eines weitgehenden Sprachzerfalls und Sprachentzugs. Es ist nicht abzusehen, wie sie aufzuhalten oder gar zu überwinden sind. Die Reste der Sprache hüten ist gewiß notwendig, hilft aber nicht viel. Die Sprache zu restaurieren macht sie nicht wieder lebendig. Die Flut der Worte, die kaum einzudämmen ist, kommt sie nicht daher, daß die Worte nichts mehr besagen? Und das Geklapper bedeutungslos gewordener Worte, förderte es nicht den Tatbestand, daß nichts mehr zu sagen ist? Die immer stärkere Mache der Worte, die Häufung sinnlos und eilends zusammengeraffter Buchstaben, die die Worte ersetzen soll, aber nur schlechte Informationszeichen sind, was weist sie anderes aus als die Verachtung des Wortes? Und was bedeutet der Vorgang, daß immer mehr Wissenschaften, um sich verständlich zu machen, zu mathematischen Formeln ihre Zuflucht nehmen, weil sie den Tatbestand nicht mehr nennen, sondern nur in Rechnung setzen können, und daß auch die Geisteswissenschaften sich dahin aufmachen? Und wie ist es mit dem Satzzerfall oder der Satzzerstörung, die bereits literarisch werden, uns aber auch verraten, daß der Weltzusammenhang zerfällt und der Mensch bereits nicht mehr vom Wort, sondern von Assoziationen lebt und leben will? Freilich ist nicht zu verkennen, daß sich inmitten dieses Aufstandes gegen die Sprache und das Wort eine unserer Zeit eigentümliche Sprache bildet. Sie hat noch keinerlei Bedeutung für den Gesamtgeist, und niemand weiß, ob sie sich durchsetzt. Es ist bis jetzt die allem Prunk entkleidete, ja aller Fülle beraubte, arme, bloße, nüchterne, aber feste, blanke, sichere, strenge, ehrliche, einfache, sachliche Sprache dieses oder jenes modernen Dichters, ..."

Aus "Verkündigung und Sprache".

Titel des Buches: "Der Geist und die Kirche", Seiten 12/13, Herder 1980.

Tod

"Als akute Furcht vor dem Tode taucht die Angst in besonders bedrohten Situationen auf. Aber als unbestimmte Furcht vor ihm, als Angst, beherrscht sie den Menschen und jeden Menschen 'das ganze Leben hindurch' beherrscht er, der Tod, in ihr jeden Menschen sein Leben lang. Denn in der Angst kündigen sich die Einsamkeit, Verlassenheit und Bedrohung des durch die Abwendung von Gott ungeborgenen Lebens an. Noch mehr. In der Angst meldet sich das Wissen um die Schuld solcher Todesdrohung an. In ihr wittert der Mensch das Ungeheure des Bösen solchen Todes. Über die Angst kann kein Mensch verfügen und keine Zeit. Sie bricht aus, oft auch dort, wo gar kein Tod zu sein scheint. Darin spiegelt sich die Unverfügbarkeit der Todesmacht, die ihrerseits über uns in jeder Weise verfügt. Der Tod bestimmt unser Dasein durch die Angst, auf die er es stimm, so sehr, daß er es auch immer wieder und immer weiter zur eigenmächtigen Selbstbehauptung treibt, und es wahr macht, daß wir nichts anderes mehr haben und haben wollen als uns selbst und unsere Welt und dahinter ihn. Diese Angst dem Dasein austreiben wollen, kaum daß eine Generation sie erlebt, ihre Dichter sie ein wenig verdichtet haben und ihre Denker ihr ein wenig Andenken schenken, verrät nur, wie tief sie und in ihr der Tod uns bewegt. Denn es ist die Angst vor der Angst, die alles so harmlos sein lassen will, wie es niemals ist. Wollen gar Christen dem Menschen diese Angst ausreden, in der das todeseinsame und gottverlassene Leben tönt, dann seien sie daran erinnert, daß auch ihr Herr in der Angst den Tod im voraus erfuhr, und zwar für sie. 'Er hat in den Tagen seines Fleisches Bitten und Flehen mit lauten Geschrei und Tränen vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, ist auch erhört worden aus seiner Angst ...', heißt es Hebr. 5,7. Es ist Gethsemane gemeint. 'Und er rang und betete lange. Und sein (Angst-) Schweiß, viel wie Blutstropfen auf die Erde', erzählt der Evangelist Lukas (22,44). Die Angst ist das praeludium mortis, in der Angst präludiert der Tod sich selbst."

Aus "Der Tod im urchristlichen Denken".

Titel des Buches: "Der Geist und die Kirche", Seite 107, Herder 1980.

Die Gegenwart Gottes

"Denn Ihnen ist ja die Aufgabe gesetzt, das Wort Gottes, den Logos Theou, in einer geordneten und ausdrücklichen Weise erkennen zu lernen, und zwar dort, wo er für diese Zeit durch den Hl. Geist gesammelt und gafaßt wurde: in der Hl. Schrift und in abgeleiteter Form, in dem Zeugnis des Bekenntnisses der Kirche. Wer dem Worte Gottes einmal durch seine ausdrückliche Verkündigung in der Kirche dienen will, wer also die Sorge für das Hören und Verstehen des Wortes Gottes unter den Menschen als ein Beauftragter mitübernehmen will, der ist als solcher für nichts mehr verantwortlich, als daß er selbst das Wort dort, wo es sich für unsere Niedrigkeit zu verstehen gibt, mit aller Energie verstehen lernt. Und wenn noch so viele andere gewichtige Aufgaben ihren Anspruch an den Theologiestudenten erheben, seine vornehmste und eigentlichste Verpflichtung ist die, das Wort in seiner Rede in der Schrift und in der mannigfachen direkten oder indirekten Antwort der Kirche kennen und erkennen zu lernen. Wer diese Grundverantwortung des Theologen für die Kirche nicht ernst nimmt, wer meint, sich als künftiger Hirte oder Lehrer der Gemeinde von einem anstrengenden Studium der Theologie entbinden zu können, der weiß entweder nicht, was Theologie will - das Wort verstehen lehren -, oder er weiß nicht, was Kirche ist  -die Gegenwart des Wortes. Gewiß gibt es gerade heute wieder Stimmen, die dem jungen Theologen diese erste Verantwortung, die er für die Kirche hat, nehmen wollen, indem sie ihm die Theologie verächtlich machen wollen. Und es gibt sogar Theologen, die wissenschaftlich davon leben, daß sie gegen die Theologie als eine Unmögliche, weil unzeitgemäße Wissenschaft polemisieren."

Aus "Die Christl. Verantwortung des Theologiestudenten" Vortrag 1936

Titel des Buches: "Der Geist und die Kirche", Herder-Verlag 1980.

Nach diesen knappen Einblicken in Schlier's theologisches Denken soll noch als Beispiel eine Geschichte angeführt werden, die den Menschen ein wenig zeigt:

In einem Aufsatz über Martin Heidegger schreibt Heinrich Schlier:

Aus dem Buch: "Der Geist und die Kirche", Herder-Verlag 1980.

"So kam er (Heidegger) auch gern zu Festen. An einem haftet meine Erinnerung besonders. Unter der Schar derer, die sich fastnachtlich verkleideten, spielte Bultmann einen alten Seemann, Krüger war Kant, ich machte den 'Geist von Locarno', von dem man soviel zu dieser Zeit sprach. Heidegger saß einäugig, das eine Auge mit einer schwarzen Klappe verbunden wie jener germanische Gott und zugleich wissend, daß er erst mit einem Auge seinen konnte. Bezeichnend war für seine Zuneigung zu uns Studenten (und Studentinnen), daß er oft eine kleine Schar von ihnen auf seine Hütte in Todtnauberg zum Skilaufen einlud, oder daß er gern mit einzelnen auf dem Schloßberg spazieren ging. Ein großes Fest war das Nikolausfest bei sich zu Hause, wo er als Nikolaus Gaben austeilte.

Ausgerechnet ich erhielt damals ein Bild des jungen Luther. Das alles widersprach dem, daß man ihn weithin für einen reichlich unzugänglichen, ja finsteren und, fast möchte ich sagen, harten Lehrer verstand Aber er war meiner Erinnerung nach, die sich bis heute durchhielt, ein Denker, der dankend das Ziel erblickte, auf dem Weg zu ihm es nie mehr aus dem Auge ließ, es nicht mehr aus dem Auge lassen wollte, weil er zu Recht meinte, in diesem den Beginn und das Ende, das Ende und den Beginn aus dem Unnennbaren hervorholen und taufen zu können.

N a c h t r a g:  Es ist nicht mehr der Marburger, sondern der Freiburger Heidegger, obwohl die Szene in Marburg spielt (1934). Er war bei seinem Freund Bultmann eingeladen. Wir hatten den Abend mit allerlei Gesprächen zugebracht. Natürlich vor allem über das sogenannte 'Dritte Reich'. Man hatte Heidegger sehr zugesetzt wegen seines Verhaltens 1933. Da wandte er sich beim Hinausgehen zu mir um und sagte verhalten: ,Herr S., es ist noch nicht aller Tage Abend’. Ich verstand wohl, was er meinte. Aber hätte er klar gesagt: 'Ich habe mich geirrt ...', wären wir ihm gewiß um den Hals gefallen."

Heinrich Schlier gehörte während der Zeit des Nationalsozialismus der "Bekennenden Kirche" an. Er lehnte die "Deutschen Christen" ab. Er hatte es schwer in den Jahren 1933 bis 1945. Aber er fand Ruhe für seine Arbeit, für seine Familie in der herrlichen Landschaft unserer Heimat, auf den Höhen in Ispei.

Nachwort:

Der Verfasser dieser Schrift über Heinrich Schlier hofft, daß ein Einblick in das Leben und Wirken dieses großen Theologen und Menschen gegeben wurde.

Die Zitate aus seinen Schriften wurden Sorgfältig ausgewählt, sie würden sicherlich von Theologen ergänzt und erweitert. Daß ein "Nicht-Theologe" es gewagt hat, diese Schrift zu erstellen, hat neben dem aktuellen Grund - Dissertation über das Leben Heinrich Schlier's und seine paulinischen Forschungen 1995 - noch einen weiteren, sagen wir  "volkstümlichen" Anlaß:

In den Jahren 1994 und 1995 hielt ich einen Lichtbildervortrag mit dem Thema: "Altes und neues Hemer, eine Stadt im Wandel". Der Heimatverein hatte den Anstoß zu diesem Vortrag gegeben. Ab Herbst 1994 wurde der Vortrag, zunächst im Heimatmuseum, dann aber auch in den Stadtteilen Ihmert, Deilinghofen, Westig und in Hemer selbst gehalten, während dieses Vortrages wurden auch Dias aus dem Frönsberger Tal und von Ispei gezeigt.

Der Hinweis, daß in Ispei Familie Heinrich Schlier 21 Jahre wohnte und Heinrich Schlier dort wichtige theologische Schriften verfaßte, löste eine Diskussion und auch Nachfragen aus. Es gab viele ältere Mitbürger, die sich noch gut an Familie Schlier erinnern konnten. So wurde beispielsweise festgestellt, daß die vier Kinder oft zu Winterzeiten auf Skiern in die Schule nach Hemer liefen oder daß Mutter Hildegard zum Einkaufen in die Stadt kam und ein Eselgespann mit sich führte, um die Einkäufe bequemer zurück nach Ispei zu transportieren. Frau Hildegard Schlier hatte studiert und war Theologin. Sie unterstützte ihrer Mann bei seiner wissenschaftlichen Arbeit, führte wichtigen Schriftwechsel und war gleichzeitig Mutter von vier Kindern. Eine besondere Aufgabe hatte sie zu erfüllen, als sie mit den Kindern nach Ispei zog und ab 1938 auch den kleinen Hof und das Haus zu versorgen hatte.

Aus dem Lebenslauf ihres Mannes, Heinrich Schlier, geht hervor, daß er oft und viel unterwegs war und meistens nur seine Wochenenden und Ferien in Ispei verlebte. Darum gilt es auch, die Leistungen von Hildegard Schlier besonders zu erwähnen. Sicherlich waren damals die Lebensumstände einfacher. Aber Hildegard Schlier hat all ihre Aufgaben geschafft.

Überraschung aber löste eine Annahme aus, daß Heinrich Schlier aus Furcht vor den Nationalsozialisten nach Ipsay, irgendwo in die Türkei bei Ankara geflohen sei, um dort in Ruhe seine Bücher zu schreiben und zu forschen. Diese Annahme ist falsch, Familie Schlier hat tatsächlich von 1938 bis 1959 in Ispei gewohnt.

Heinrich Schlier hat sich oft an Wochenenden und in den Ferienzeiten nach Ispei zu seiner Familie zurückgezogen, um dort in Ruhe arbeiten zu können. In einem Fragebogen der alliierlen Streitkräfte gab Heinrich Schlier 1945 an, das er mehrfach von der Gestapo verhört und verhaftet wurde, er gehörte der "Bekennenden Kirche" an, aber immer kam er wieder frei. Seine Schwester Paula Schlier, die ebenfalls als Schriftstellerin tätig war und eine Fülle von religiösen Büchern schrieb, wurde 1941 verhaftet und in Gestapogewahrsam genommen. Sie kam erst 1945 wieder frei. Gerhard Arndt aus der Geitbecke in Niederherner, heute Pastor der St. Elisabeth-Gemeinde in Köln-Mülheim, erzählte, daß er häufig mit Christoph Schlier, mit dem er gemeinsam eine Klasse der Oberschule für Jungen in Hemer besuchte, dem ältesten Sohn Heinrich Schlier’s, zusammen Schularbeiten machte. Heinrich Schlier sei immer hilfsbereit gewesen und habe sein besonderes Interesse gezeigt, als er kurz vor dem Abitur auf eine Frage geantwortet habe, er wolle Theologe werden. Der Professor habe auch erzählt, daß er vom damaligen Bundeskanzler Dr. Adenauer eine Anfrage, die viele mit ihm erhalten hätten, bekommen habe und die er negativ beantwortet habe. Die Frage lautete, ob des Fernsehen allgemein einzuführen sei. Professor Schlier habe geantwortet, dann sei der Gewalt und dem Sexus die Tür geoffnet, er lehne das ab.

So soll diese Schrift auch etwas Klarheit schaffen und einen Beitrag zur Heimatgeschichte leisten.

Das Werk Heinrich Schlier's wird noch Generationen von Theologen beschäftigen, Wissenschaftler reizen, über seine Gedanken und Forschungen zu schreiben und seine Sprache weiterzugeben.

Heinrich Schlier wurde fast 80 Jahre alt. Einen wesentlichen Teil seines Lebens hat er in Hemer, Ispei 43, verbracht.

Die Ruhe des Tales und die Schönheit der Landschaft haben sicherlich dem großen Forscher, dem bedeutenden Wissenschaftler und Theologen, dem guten Menschen und tiefgläubigen Christen in all seinem wichtigen Schaffen gedient.

Quellen:
1. Bendemann, Reinhard von:
Heinrich Schier, eine kritische Analyse seiner Interpretation pailinischer Theologie. Dissertation im Fach Neues Testament, vorgelegt der Hohen Evangelisch-Theologischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bon von Reinhard von Bendemann. Erschienen bei Chr. Kaiser / Güterloher Verlagshaus 1995 in der Schriftenreihe "Beiträge zur evangelischen Theologie", Band 115.
2. Heinrich Schlier: "Der Brief an die Galater" Übersetzt und erklärt von Heinrich Schlier. Verlag Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen, 15. Auflage, 1989
3. Heinrich Schlier: "Besinnung auf das Neue Testament", Herder-Verlag, Freiburg, 2. Auflage 1967
4. Heinrich Schlier: "Die Zeit der Kirche" Herder-Verlag, Freiburg, 5. Auflage, 1972
5. Karl Rahner u. a: "Die Zeit Jesu" Festschrift für Heinrich Schlier zu seinem 70. Geburtstag .Herder-Verlag, Freiburg, 1970
6. Heinrich Schlier: "Der Geist als Kirche" Exegetische Aufsätze und Vorträge. Vorwort von Kardinal J. Ratzinger. Herausgegeben von Veronika Kubins, einer Tochter Heinrich Schliers und Karl Lehmann. Herder-Verlag, Freiburg, 1980

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Gekürzte Fassung eines Artikel, erschienen in:   Der Schlüssel 40 (1995) S. 126-137.

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Stand: 16. September 2009

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