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| Eine anspruchsvolle Radtour auf Sizilien in 12 Tagesetappen über insgesamt 1025 km, Tagesetappen zwischen 50 und 120 Kilometern. | |||
| 1. Tag 2. Tag 3. Tag 4. Tag Agrigento 5. Tag 6. Tag 7. Tag 8. Tag Palermo 9. Tag 10. Tag 11. Tag 12. Tag Rückfahrt | |||
Streckenabschnitt |
Meeres- |
Entfernung |
Tages- |
Gesamt- |
|---|---|---|---|---|
| Catania - Symaethus Symaethus - Abzw. Carmito Abzw. Carmito - Einm. SS385 Einm. SS385 - Abzw. Stazione di Lentini Diramaz. Abzw. Stazione di Lentini Diramaz. - Fiume Lentini Fiume Lentini - Lentini Lentini - Carlentini Carlentini - Abzw. Villasmundo Abzw. Villasmundo - Abzw. Pedagaggi Abzw. Pedagaggi - Borgo Angelo Rizza Borgo Angelo Rizza - Fiume Marcellino Fiume Marcellino - Sortino Sortino - Valle dell'Ánepo Valle dell'Ánepo - Taverna (Floridia) Taverna (Floridia) - Pte Capocorso Pte Capocorso - Siracusa (1. Tagesetappe) |
10 |
13,1 |
13,1 |
13,1 |
| Siracusa - Pte Capocorso Pte Capocorso - Floridia Floridia - Solarino Solarino - la Villa la Villa - Eingang Naturpark Eingang Naturpark - Sortino Sortino - Parcheggio Nord Parcheggio Nord - Fiume Fiume - Parcheggio Nord Parcheggio Nord - Ferla Ferla - Valle dell'Anepo Valle dell'Anepo - Einm. in SS 124 Einm. in SS 124 - Cappellano Cappellano - Casa Melilli Casa Melilli - Solarino Solarino - Floridia Florídia - Siracusa (2. Tagesetappe) |
19 |
6,5 |
6,5 |
92,9 |
| Siracusa - Ógnina Ógnina - Fontane Bianche Fontane Bianche - Avola Avola - Calabernardo Calabernardo - Noto Noto - Cozzo Catena Cozzo Catena - Rosolini Rosolini - Cava d'Ispica Cava d'Ispica - Abzw. Sacro Cuore Abzw. Sacro Cuore - Módica Módica - Abzw. Cappuccini Abzw. Cappuccini - Abzw. Ragusa Ibla Abzw. Ragusa Ibla - Ragusa (3. Tagesetappe) |
19 |
12,0 |
12,0 |
194,8 |
| Ragusa- Unterführung. SS514 Unterf. SS514 - Abzw. Donnafugata Abzw. Donnafugata - Donnafugata Donnafugata - Abzw. Santa Croce Abzw. Santa Croce - Camarina Camarina - Scoglitti Scoglitti - Bérdia Nova Bérdia Nova - Gela Gela - Agrigento mit dem Zug |
502 |
4,7
77,0 |
4,7 |
283,0 |
| Besichtigungstag in Agrigento (Beschreibung) | ||||
| Agrigento - Cattólica-Eraclea Cattólica-Eraclea - Casa Giaccusa Casa Giaccusa - Kreuzung SS115 Kreuzung SS115 - Eraclea Minoa Eraclea Minoa - Kreuzung SS115 'Kreuzung SS115 - Casa Giaccusa Casa Giaccusa - Abzw.Borgo Bonsignore Abzw.Borgo Bonsignore - Ribera Ribera - Einm. SS115 Einm. SS115 - Sciacca Sciacca - Case San Marco Case San Marco - Abzw.bei Fiume Carboi Abzw.bei Fiume Carboi - Torrenuova Torrenuova - Serralonga Serralonga - Selinunte (zu dem Höhenangaben s. Bericht zur 5. Tagesetappe) (5. Tagesetappe) |
230 |
28,0 |
28,0 |
370,8 |
| Selinunte - Kreuzung SP56 Kreuzung SP56 - Madona di Trápani Madona di Trápani - Campobello di Mazara Campobello di Mazara - Granítola-Torretta Granítola-Torretta - Mazara Mazara - Pizzolato Pizzolato - Staz. Terrenove Staz. Terrenove - Marsala (die Differenzen in der Entfernung im Vergleich zum Höhenplan ergeben sich aus zusätzlichen Kilometern in Campobello im Rahmen der Einkäufe zum Picknick) Marsala - Trápani mit dem Zug |
10 |
5,5 |
5,5 |
472,7 |
| Trápani - (innerhalb) Trápani - Érice Érice - San Marco San Marco - Buseto Palizzolo Buseto Palizzolo - Bruca Bruca - Segesta Segesta - Castellammare del Golfo (7. Tagesetappe) |
3 |
5,0 |
5,0 |
536,7 |
| Castellamare del Golfo - Belastrate Belastrate - Trappeto Trappeto - San Cataldo San Cataldo - Terrasini Terrasini - Cinisi Cinisi - Villa Grazia di Carini Villa Grazia - Capaci Capaci - Sferra-Cavallo Sferra-Cavallo - Palermo (8. Tagesetappe) |
3 |
15,0 |
15,0 |
621,2 |
| Besichtigungstag in Palermo (Beschreibung) | ||||
| Palermo - Ficarazzi (Abzw. Ri.
Aspra) Ficarazzi - Aspra Aspra - Torre Mongerbino Torre Mongerbino - Capo Zafferano Capo Zafferano - Porticello Porticello - Abzw. Solunto Abzw. Solunto - Solunto Solunto - Abzw. Solunto Abzw. Solunto - Santa Flávia Santa Flávia - Trabía Trabía - Términi Imerese Términi - Buonfornello Buonfornello - Campofelice Campofelice - Cefalù (die Differenzen in der Entfernung im Vergleich zum Höhenplan ergeben sich aus zusätzlichen Kilometern in Santa Flávia im Rahmen der Einkäufe zum Picknick und aus km Stadtrundfahrt Cefalù) (9. Tagesetappe) |
10 |
9,0 |
9,0 |
687,7 |
| Cefalù - Abzw. SS286 Abzw. SS286 - Portella di Montenero Portella di Montenero - Torrente Castelbuono Torrente Castelbuono - Castelbuono Castelbuono - Pintorna Pintorna - Geraci Sículo Geraci Sículo - Portella dei Bafurco Portella dei Bafurco - Einm. SS120 Einm. SS120 - Gangi Gangi - Sperlinga Sperlinga - Abzw. SS117 Abzw. SS117 - Nicosia (10. Tagesetappe) |
10 |
9,8 |
9,8 |
769,6 |
| Nicosia - Fiume di Cerami Fiume di Cerami - Serra di Falco Serra di Falco - Cerami Cerami - Troina Troina - Borgo Salvatore Giuliano Borgo Salvatore Giuliano - Abzw. Cesarò Abzw. Cesarò - Ponte Bolo Ponte Bolo - Abzweig n. Maletto Abzweig n. Maletto - Randazzo Randazzo - Castiglione-di-Sicilia Castiglione-di-Sicilia - Francavilla-di-Sicilia Francavilla-di-Sicilia - Gaggi Gaggi - Giardini Naxos (11. Tagesetappe) |
724 |
15,0 |
15,0 |
859,8 |
| Giardini-Naxos - Mazzaro Mazzaro - Taormina Taormina - Mazzaro Mazzaro - Giardini-Naxos Giardini-Naxos - Fiumifreddo Fiumifreddo - Cottone Cottone - Fondachello Fondachello - Riposto Riposto - Acireale Acireale - Aci Trezza Aci Trezza - Aci Castello Aci Castello - Catania (12. Tagesetappe) |
5 |
5,0 |
5,0 |
971,0 |
Zeitraum
Die Radtour wurde vom 12. bis 27. April 2003 bei überwiegend schönem Wetter durchgeführt.
Teilnehmer:
Hubert Becker
Uschi Becker
Allgemeine Hinweise
Jeder Teilnehmer ist für sein Gepäck selbst verantwortlich. Der Umfang des auf dem Rad mitzunehmenden Gepäcks sollte sich nach dem Stauraum und dem Tragevermögen jedes Teilnehmers bzw. Fahrrades richten. Grundsätzlich kann jeder mitnehmen, was er/sie für wichtig und richtig hält. Die technische Überprüfung des Radmaterials vor der Tour ist dringend angeraten. Der Umfang an Ersatzteilen und an Werkzeug sollte zwischen den Teilnehmern mit dem Ziel ausreichender Umfang und Vermeidung von Redundanzen abgesprochen werden.
Anreise
Die Anreise von München nach Catania erfolgt mit dem Flugzeug mit Zwischenstop in Rom. Es gab zwar samstags im Frühjahr 2003 von Lufthansa und Condor je eine wöchentliche direkte Flugverbindung zwischen München und Catania, beide waren jedoch bereits im Januar ausgebucht. Der Fahrradtransport ist bei rechtzeitiger Anmeldung kein Problem. Es ist unbedingt ratsam, die Mitnahme von Fahrädern rechtzeitig anzumelden und bestätigen zu lassen.
Erstmals haben wir unsere Räder nicht in Transportkarton sondern in
Transportsäcke verpackt (s. Foto). Zum Transport müssen Lenker
und Pedale ummontiert werden. Das ist eine Angelegenheit von Minuten. Über
die Rahmenteile (Ober-, Unter- und Sattelrohr sowie Sitz- und
Kettenstreben) und die Gabel werden Rohrschalen gestülpt, diese sind
im Baumarkt (Wärmedämmung für Heizungs- und
Heißwasserrohre) für verschiedenen Rohrdurchmesser erhältlich.
Anschließend werden die Räder rückwarts in die Säcke
geschoben. Die Säcke werden zum Schluß zugeklebt.
Nach dem 11.09.2001 werden auch Fahrräder sehr gründlich untersucht. Es empfiehlt sich, die Fahräder im Beisein des Kontrollpersonals in die Säcke zu schieben und diese erst dann zuzukleben. Die Prozedur des Check-In ist dementsprechend länger und man sollte genügend Zeit einplanen. Der Flug verläuft problemlos. In Rom haben wir gewolltermaßen 5 1/2 Stunden Aufenthalt, die wir zu einem Stadtbummel nutzen.
Gleich nach der Ankunft in Catania werden uns die Räder ausgehändigt. Jetzt gilt es, die Lenker auszurichten, die Pedalen anzuschrauben und das Verpackungsmaterial zu verstauen. Dann stürzen wir uns in das sizilianische Verkehrsgetümmel und fahren zu unserem Hotel "La Vecchia Palma", eine alte Villa nördlich der Innenstadt, die in den letzten Jahren liebevoll restauriert worden ist.
Am Karsamstag ist die Innenstadt von Catania voll von Menschen, die sich wie in Italien üblich gegen 8 Uhr der abendlichen Passegiatta widmen. Nach einem guten Abendessen fallen wir müde ins Bett.
Sizilien
Sizilien ist mit einer Fläche von 25.708 km2 die größte der Mittelmeerinseln, mit fast 6 Mio. Einwohnern ist sie auch die am dichtesten besiedelte. Der Ätna (Monte Etna) ist der höchste (3323 m ü. NN) und einer der aktivsten Vulkane Europas.
Die alten Griechen nannten die Insel wegen ihrer Dreiecksform Trinakina. Im 8. Jahrhundert v. Chr. begannen die verschiedenen Staatsgemeinschaften Griechenlands (z. B. Athen, Sparta, Korinth) Kolonien auf Sizilien zu gründen. Eine der größten Kolonien war Sirakusa (Korinther) mit ca. einer halben Million Einwohnern. Aber auch Agrigento und Selinunte waren in der Antike Großstädte mit 200.000 bzw. 100.000 Einwohnern. Das 5. Jahrhundert v. Chr. ist durch zahlreiche kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Griechen und Phöniziern (Karthagern) gekennzeichnet, wobei zunächst die Griechen (480 v. Chr. bei Himera) später die Phönizier (409-405 v. Chr) die Oberhand errungen. 392 v. Chr. schlossen die verfeindeten Parteien ein Friedensabkommen, dem ca. 150 (relativ) friedliche Jahre auf Sizilien folgten.
Ab 227 v. Chr. wird Sizilien römische Provinz. Mit dem Zerfall des römischen Reiches fallen ab dem 4. Jahrh. n. Chr. nacheinander die Vandalen, Byzantiner und Araber auf Sizilien ein. Insbesondere die Araber haben bis heute noch sichtbare "Spuren" auf der Insel hinterlassen. In der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts erobern - unterstützt vom Papst - die Normannen nach und nach ganz Sizilien. Nach dem Aussterben der normannischen Herrschaftlinie geht 1194 die Herrschaft über Sizilien an die Staufer. Nach dem Tod des Stauferkönigs Friedrich II. im Jahr 1250 erobert Karl von Anjou, Bruder des Französischen Königs Louis IX. die Insel. Die Herrschaft derer von Anjou dauert ca. 50 Jahre, dann wird Sizilien dem Haus Aragon zugesprochen. Nach dem spanischen Erbfolgekrieg gewinnen die Habsburger und die Bourbonen Einfluß auf Sizilien, in den napoleonischen Kriegen agieren Frankreich und England gegeneinander auf der Insel. Am 11. Mai 1860 landet der Revolutionär Giuseppe Garibaldi mit seinen Freischärlern bei Marsala. Dies der Anfang des Italienischen Einigungskrieges. Seit 1861 gehört Sizilien zu Italien.
Auf Sizilien kann man unschwer sechs Gebirgsmassive bzw. Gebirgsketten erkennen:
Ansonsten sind die Landschaften auf Sizilien bis auf die Piana di Catania (südwestlich von Catania) und dem äußersten Westen bei Marsala nie wirklich flach.
Die größten Städte auf Sizilien sind Palermo (690.000 E.), Catania (345.000 E.), Messina (260.000 E.) und Siracusa (130000 E.). Die anderen Provinzhauptstädte Agrigento, Caltanissetta, Enna, Ragusa und Trapani weisen jeweils weniger als 70.000 Einwohner auf.
Empfohlenes Kartenmaterial:
Empfohlene Literatur:
Beschreibung der Tour
1. Tag
(Tabelle)
(Seitenanfang)
Nach einem guten Frühstück im Hotel "La Vecchia Palma" geht's los! Wir fahren die Via Etnea hinunter, dann mitten durch die Altstadt von Catania, zum Teil den gleichen Weg, den wir bereits am Vortag entlang gekommen sind. Auf der Piazza Duomo betrachten wir den Obelisk, der sich über einem Elefanten aus Lavagestein erhebt. Die Statue ist das Wahrzeichen Catanias, geschaffen von dem berühmten Architekten Vaccarini. Die Piazza Duomo ist Dreh- und Angelpunkt der Altstadt. Barocke Palazzi wie der Palazzo Municipale (Rathaus) und der Palazzo del Seminario gegenüber säumen den Platz. Beherrscht wird der Platz jedoch von der barocken Fassade des Doms, die ebenfalls vom Architekten Vaccarini entworfen wurde. Von der ursprünglichen normannischen Wehrkirche sind nur die halbrunden Apsiden und das Querschiff erhalten. Aus der Normannenzeit stammen weiterhin die zwei Kapellen im Querschiff. Weiterhin befindet sich im Dom das Grab des Komponisten Vincenzo Bellini (1801-1835), einer der berühmten Söhne der Stadt, dem auch das örtliche Theater gewidmet ist. Dieser Bau wurde am 31. Mai 1890 mit Bellinis "Norma" eröffnet.
Wir
verlassen die Piazza Duomo in südlicher Richtung durch das Stadttor,
direkt danach geht's nach rechts und gleich wieder links durch die
Bahnunterführung. Weiter folgen wir der stark befahrenen "Cristoforo
Colombo", linker Hand sieht man das Hafenbecken. Dem Straßenverlauf
folgend (Via Domenico Tempio) geht es bis zum großen Kreisverkehr
am Leuchtturm. Im Strandvorort Paradiso degli Aranci verfahren wir
uns erst einmal, die Straße die wir gewählt haben, erweist sich
als Sackgasse. Wieder zurück! Auf der SS 114 herrscht reger Autoverkehr.
Alle, die einen motorisierten, fahrbaren Untersatz besitzen, sind zum
Sonntagsausflug unterwegs. Glücklicherweise müssen wir nur ca.
5 km auf der SS 114 bleiben. Nach der Brücke über den Fiume
Goralunga biegen wir nach rechts in die SS 194 und später folgen
wir geradeaus der SS 385. Zwischen Bahnlinie und dem Stausee von
Lentini fahren wir in den gleichnamigen Ort.
Die Piana di Catania sowie der Gegend um Lentini, die Città d'Orange, sind Zentren des Orangenanbaus in Sizilien. Orangen wurden im 15. Jahrhundert von Seefahrern aus Indien und China nach Europa eingeführt. Lentini (30.000 Einwohner) liegt umgeben von riesigen Zitrusplantagen am Nordrand der Monti Iblei, in der Flußebene des Fiume Leonardo. Die schmucklose, moderne Stadt läßt nichts von ihrer Vergangenheit unter dem Namen Leontinoi erkennen. So hieß die Stadt in der Antike, sie war eine der ersten dorischen Siedlungen auf Sizilien. Leontinoi wurde mehrfach zerstört, nach dem Erdbeben von 1693 wurde die Stadt an einem neuen Standort mit leicht verändertem Namen neu erbaut.
Südlich von Lentini wird die Gegend bergiger. Die ersten Höhenmeter erwarten den Radler auf dem Anstieg nach Carlentini. Nach ein kurzen Abfahrt folgt ein etwas längerer Aufstieg nach Sortino.
Sortino mit seinen 9.200 Einwohnern ist eine schlichte Kleinstadt mit einem modernen Teil und einer etwas tiefer liegenden Altstadt mit einigen barocken Kirchen. Von touristischem Interesse ist der Ort nur als Ausgangspunkt für Wanderungen zu den Nekropolen von Pantàlica. Die Nekropolen werden wir am nächsten Tag besichtigen.
Wir verlassen Sortino auf der SP29 in Richtung Melilli. Am Ortsende biegen wir dann nach recht ab. Auf ca. 2 Kilometern fällt die Straße mit einigen Serpentinen steil ab. Im Tal des Anepo folgen wir der wenig befahrenen Straße bis Floridia, das hauptsächlich vom Olivenanbau lebt. Nach dem Erdbeben von 1693 wurden Floridia im barocken Stil wiederaufgebaut.
Gegen 17 Uhr ist Siracusa, unser erstes Etappenziel erreicht. Siracusa war im Altertum mit mehr als einer halben Million Einwohnern die größte unter den Griechenstädten. Von der griechischen Vergangenheit zeugen u. a. die Überreste des dorischen Apollon-Tempels. Im archäologischen Park befindet sich neben dem größten antiken griechischen Theater auch das römische Amphietheater und der Altar des Hieron II.
Die Altstadt liegt auf der Insel Ortyga, die nur durch den schmalen Darsena-Kanal vom Festland getrennt ist. Über die Ponte Nuovo gelangen wir auf die Insel. Die letzten Kilometer im Stadtverkehr von Siracusa waren verkehrstechnisch abenteuerlich. Es wird noch einige Tage dauern, bis wir das sizilianische Verkehrschaos durchschauen und uns sicher hindurch bewegen werden.
Das Hotel Gran Bretagna ist allererste Sahne, es wurde erst kürzlich komplett restauriert. Man ist uns sofort bei der Unterbringung der Fahrräder behilflich. Diese gesellen sich zu drei bereits abgestellten Tourenrädern.
Nachdem wir den Staub des Tages abgeduscht haben, begeben wir uns unter die Leute. Vorbei am Apollon-Tempel schlendern wir die kleinen Gassen zur Piazza Duomo hinauf. Ungefähr 30 Kirchen und unzählige Palazzi verstecken sich im malerischen Gassengewirr. Nach dem anstrengenden Tag gehen wir früh zu Bett.
Die heutige Tagesetappe ist ein Rundkurs mit Start und Ziel in Sirucusa. Wir starten mit leichtem Gepäck, d. h. mit je einer Lenkertasche und nur einer seitlichen Packtasche am Gepäckträger. Eine gute Wahl, wie sich später herausstellen sollte. Auf dem gleichen Weg wie am Vortag fahren wir bei schönem Wetter durch Valle dell'Anepo bis zum Eingang des gleichnamigen Naturparks. Auf der Trasse einer ehemeligen Eisenbahnstrecke geht es auf einer Schotterstraße in die Schlucht hinein. Recherchen haben ergeben, daß die Strecke zum Radeln geeignet ist. Auch bietet an örtlicher Veranstalter geführte Touren an. Wir haben jedoch unsere Pläne ohne den Parkwärter am Eingang des Naturparks gemacht. Er verweigert unseren Rädern strikt die Weiterfahrt. Alles Verhandeln und die Versicherung, daß wir nicht außerhalb des Schotterwegs auf dem Talgrund fahren werden, helfen nichts. Die Räder müssen draußen bleiben.
Wir
befragen noch einmal unsere Karten. Wir beschließen dann, nach
Sortino hinaufzufahren. Steil geht es durch die steilen Gassen zum
Ortszentrum hinauf. Wir folgen der Beschilderung »Necrópoli
di Pantàlica« in südwestlicher Richtung. Nach einem Auf
und Ab erreichen wir den nördlichen Parkplatz. Die nächsten Hunderte
von Metern lassen sich noch fahren, dann heißt es »schieben«.
Zu guter Letzt müssen die Räder den steilen Pfad hinuntergetragen
werden. Nach einer akrobatisch anmutenden Bachüberquerung auf glitschigen
Steinquadern folgt die gleiche anstrengende Prozedur in umgekehrter Reihenfolge
bergauf.
Ab
dem südlichen Parkplatz geht es auf einer befestigten Straße weiter.
Jetzt haben wir uns unser Radler-Picknick verdient, das wir bereits in
Floridia eingekauft hatten. Die Straße nach Ferla steigt
langsam, aber stetig an. In Ferla fahren wir in rascher Fahrt wieder
hinunter ins Tal und überqueren den Anepo. So steil, wie es bergab
ging, steigt jetzt die Straße an.
Jetzt
ist das Schlimmste überstanden. Von nun an geht im Prinzip nur noch
bergab. Allerdings ist die Zeit bereits fortgeschritten. Wir dürfen
nicht mehr bummeln, ansonsten kommen wir im Dunkeln wieder in Siracusa
an. Der Straßenverlauf der SS 124 ist zügig, die Verkehrsdichte
glücklicherweise dünn. In knapp 1 1/2 Stunden haben wir dann die
verbleibenden 38 Kilometer geschafft. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit betreten
wir wieder unser Hotel. Der Höhenmesser am Fahrradcomputer zeigt 1302
Höhenmeter für heute. Leider ist diese Aufzeichnung des
Höhenprofils an den nachfolgenden Tagen wieder überschrieben worden.
64 Stunden Speicherkapazität reichen für eine zweiwöchige
Radtour doch nicht aus. Ab dem 19.04.2003 wird später für die letzten
sieben Tage der Tour die Aufzeichnung in diesem Bericht wiedergegeben. Das
macht die Höhenpläne noch genauer.
Über den Verlauf des Abend sind unsere Erinnerungen verblaßt. Vermutlich das Übliche: Duschen, ein Bier, Essen, zu Bett gehen.
3. Tag (Tabelle) (Seitenanfang)
Wir verlassen die Altstadt von Siracusa über den Corso Umberto I. und die Via Elorina. Ca. 500 m nach der Brücke über den Fiume Ciane biegen wir nach links ab und folgen einer wenig befahrenen Straße in Richtung "Sacramento/Saline". Es folgt eine landschaftlich reizvolle Strecke in Richtung "Fontane Bianche". Wer will, kann auch den einen Kilometer langer Abstecher zum Strand von Ognina machen. Nach Fontane Bianche erreichen wir wieder die stärker befahrene SS115, die wir aber kurz vor Ávola wieder in Richtung »Marina di Ávola« verlassen können.
Ávola ist das Zentrum des sizilianischen Mandelanbaus. Nach dem zerstörerischen Erdbeben von 1643 wurde eine neue Stadt Ávola (heute 32.000 E.) gebaut. Der Barock in Ávola zeigt sich etwas schlichter als in den Nachbarstädten.
Wir fahren nicht auf der SS115 nach Noto, sondern wir folgen einer kleinen Straße in Richtung »Lido di Noto«. Hier biegen wir nach rechts ab und folgen kleinen Straßen in westlicher Richtung. Vor uns, auf einer Anhöhe, sehen wir bereits die Silhouette von Noto. Die restlichen 100 Höhenmeter sind bald geschafft.
Die berühmte Barockstadt Noto (23.000 Einwohner) ist heute eine Großbaustelle. Nahezu überall wird an der Beseitigung der Schäden des Erdbebens von 1990 gearbeitet, infolge dessen ein Teil des Jesuitenpalastes und Jahre später der Dom einstürzte. Noto hat im Laufe der Jahrhunderte viele Erdbeben erlebt. Nach dem großen Erdbeben von 1693 wurde das barocke Noto 16 km entfernt von der ursprünglichen Stadt, dem sikulischen Neaiton und römischen Netum, neu aufgebaut. Aufgrund des Widerstandes der Bevölkerung verzögerte sich der Wiederaufbau, der sich über beinahe das ganze 18. Jahrhundert hinzog. Das neue, barocke Noto entstand nach einem Entwurf von Giovanni Battista Landolina unter Mitwirkung von der Archtekten Rosario Gagliardi, Vincenzo Sinatra und Paolo Labisi. Es werden noch einige Jahre vergehen, bis Noto sich wieder in voller Pracht den Besuchern präsentiert.
Weiter
geht's, wir wollen schließlich heute noch bis Ragusa. Die
nächsten 16 Kilomter bis Rosolini müssen wir in Ermangelung
einer Alternative auf der ungeliebten SS115 fahren. Hier biegen wir dann
nach rechts in Richtung Cava d'Ispica ab. Langsam Steigt die Straße
an. Blühende gelbe Wiesen beidseits des Weges vermitteln den Frühling.
Cava d'Ispica liegt reizvoll in einem fast Canyon-artigen Tal. Man
kann ähnliche in den Fels geschlagene Löcher sehen, die seinerzeit
als Wohnungen, Gräber, etc. genutzt wurden.
Dann geht es wieder hinauf in Richtung Modica. Die Stadt schmiegt sich reizvoll an einen Gebirgshang. Der Ort ist uralt, schon in der Bronzezeit soll er bewohnt gewesen sein. Doch die jeweiligen Bewohner: Sikuler, Griechen, Phönizier, Römer, Araber, Normannen (bei denen zeitweise Königsstadt) und die zahlreichen Erdbeben haben das Gesicht der Stadt immer wieder verändert. Das heutige Gesicht ist im wesentlichen vom Wiederaufbau nach dem Erdbeben von 1693 geprägt. Bevölkerungswachstum mit teilweise scheußlichen Neubauten und Einschnitten für die Verkehrsinfrastruktur haben zum heutigen Ansehen geführt. Soll heißen: Eine Stadt in reizvoller Lage mit vielen sehenswerten Bauten, häßlichen Neubauten und riesigen Verkehrsproblemen. Eigentlich, das Problem, das ganz Sizilien hat, wird hier in überschaubaren Dimensionen dem Besucher fast täglich vor Augen geführt.
Interessant ist die Hanglage der barocken Kirchen Módicas über breiten Freitreppen: S. Pietro (s. Bild) besitzt eine dreischiffige Säulenbasilika. Die Fassade ist flach, schön verziert mit den rustizierten Pilastern, den gesprengten Portalgiebeln und den verspielt wirkenden Voluten aus Rankenwerk.
Im abendlichen
Berufsverkehr fahren wir weiter in Richtung Ragusa. Die Landschaft
wird rauher, dramatischer. Zunächst bewegen wir uns aber noch im Tal
des Fiume Irmininio. Der strahlende Sonnenschein ist dahin, mehr und
mehr legt sich ein milchiger Wolkenschleier zwischen Sonne und Erde. Der
Wind nimmt zu, und er kommt wie immer entgegen. Dann langsam, aber immer
mehr, liegt Ragusa vor uns.
Jetzt gibt es nur zwei Dinge an diesem Abend: Erklimmen und Hotel fassen. Das mit dem Erklimmen des Ortes Ragusa war einfacher als Hotel fassen. Bei der Hotelsuche erlebten wir die Story von durch Pausschalreisegruppen vorgebuchten Hotelketten und sonstigen Hotels, die von überaltertem Management in den Ruin getrieben werden - der Sohn durfte nur Koffer tragen und die Tür zur (Vorrats-)Garage auf- und zusperren - Mama kontrollierte alles, auch, daß die die Radtaschen nicht auf dem Bett zu stehen haben. Beim geschätzten Alter der Mama von über 80 Lenze dürfte dieses Haus in attraktiver Lage wohl in absehbarer Zeit in geschäftstüchtigere, und vor allem in kundenfreudlichere Hände übergehen.
4. Tag (Tabelle) (Seitenanfang)
Die
Provinzhauptstadt Ragusa mit 70.000 Einwohnern liegt malerisch auf
drei Hügeln, die durch tiefe Schluchten voneinander getrennt sind. Ibla
heißt der am östlichen Hügel gelegene Stadtteil. Hier
lag die Sikulerstadt Hybla, die später von den Griechen Hybla
Haraia genannt wurde. Zur Zeit der griechischen Kolonisation machten
die einheimischen Sikuler Hybla Heraia zu ihrem Bollwerk und zum Zentrum
für Kontakte mit den neuen griechischen Stadtstaaten. Unter den Römern
geriet der Ort in völlige Vergessenheit und wurde erst später unter
den Byzantinern wiederentdeckt. Nach dem Erdbeben von 1693 war man sich nicht
einig über den Ort des Wiederaufbaus, die Kleriker und der Adel
präferierten den Plan, die alte Stadt (Ibla) nach den
mittelalterlichen Plänen traditionsgetreu wieder zu erbauen. Auf
der gegenüberliegenden schrägen Ebene entstand das moderne
Ragusa mit einem rechtwinkligen Straßensystem. Im folgenden
entbrannte ein architektonischer Wettstreit um die schönsten Paläste
und Kirchen. Heute sind beide Städte wieder vereint.
Der Himmel ist wolkenverhangen grau. Es windet sehr stark. Der böige Nordostwind treibt uns den hinunter in Richtung Meer. Zunächst müssen wir jedoch noch bis zum höchsten Punkt Ragusas strampeln. Hier biegt am Kreisverkehr die Straße in Richtung Donnafugata ab. In flotter Fahrt erreichen wir Donnafugata. Im Ort müssen wir nach rechts abbiegen und einige hundert Meter gegen den Sturm bergauf fahren. Fast nicht zu schaffen!
Der zinnenbewehrte Prunkbau des Schlosses von Donnafugata, den Baron Corrado Arezzo zu Beginn des 19. Jahrhunderts ganz im historisierenden Geschmack der Epoche erbauen ließ, liegt inmitten von Feldern, in denen Oliven- und Johannisbrotbäume stehen. Den Palast im Stil der venezianischen Neorenaissance umgibt ein Park mit Pavillons, Irrgärten und mechanischen Figuren, die den Gast erschrecken oder in Staunen versetzen sollen. Berühmt wurde das Schloß durch die Schilderung im Roman "Der Leopard" von Giuseppe Tomasi, Fürst von Lampedusa. Heute befindet sich die gesamte Anlage im Besitz der Provinz Ragusa. In der Schloßtrattoria wärmen wir uns bei Espresso/Cappuccino wieder. Der Wind draußen ist nicht nur heftig sondern auch kalt.
Auf den nächsten Kilometern fahren wir durch ein Gewirr von Gewächshäusern, mal feste Bauten aus Stahl und Glas mal in die Erde gerammte Stahlbögen, die mit Plastikplanen überdeckt sind. Die Gegend ist das Zentrum des sizilianischen Tomatenanbaus, zudem werden auch Auberginen angebaut. Die Landschaft ist mittlerweile flach und eintönig geworden. In der Ferne sehen wir bereits die petrochemischen Anlagen von Gela. Die letzten fünf Kilometer müssen wir wieder auf der SS115 zurücklegen. Starker Lkw-Verkehr stört das Vergnügen am Radfahren empfindlich.
Wir waren durch das Literaturstudium bei der Vorbereitung der Tour bereits über die verkehrliche Situation an der Südküste um Gela vorgewarnt und hatten uns den Zugfahrplan aus dem Internet ausgedruckt. Den Streckenabschnitt von Gela nach Agrigento werden wir mit dem Zug absolvieren. In Gela kaufen wir für ein Picknick im Zug ein. Dann geht's zum Bahnhof. Ein englisches Radlerpaar wartet auch auf den Zug in Richtung Agrigento. Gela ab: 14:20 Uhr; Canicatti an: 15:35 Uhr, umsteigen, Canicatti ab: 15:40 Uhr, Agrigento an: 16:35 Uhr.
Agrigento besitzt eine Vielzahl von Hotels in allen Preiskategorien. Da es zu regnen beginnt, wählen wir das Hotel Belvedere unweit vom Bahnhof, ein einfaches, aber sauberes Haus mit Abstellmöglichkeit der Fahrräder in der Hotelgarage.
Am Abend schauen wir uns in der Innenstadt um, vor allem in der belebten Fußgängerzone. Wir finden ein nettes kleines Ristorante, in dem wir gut zu abend essen.
Besichtigungstag in Agrigento (Tabelle) (Seitenanfang)
Der
heutige Tag ist ganz der Besichtigung der antiken Stätten Agrigentos
gewidmet. Wir fahren mit Rädern hinunter in das »Tal der Tempel
(valle dei templi)«, das nur fälschlicherweise Tal genannt, weil
es tiefer liegt als die heutige Neustadt. Tatsächlich liegen die meisten
antiken Bauten auf einem Höhenkamm zwischen Meer und Oberstadt. Bei
den Kassen schließen wir unsere Räder an.
Der Himmel ist wolkenverhangen; von Zeit zu Zeit kommt ein Regenschauer herunter. Im Laufe des Vormittags werden die Schauer aber seltener.
Das bekannteste antike Bauwerk Agrigentos ist der Concordiatempel aus der Zeit um 430 v. Chr. Im Jahre 582 v. Chr. gründeten Bewohner aus dem ca. 80 km entfernten Gela und Kolonisten aus Rhodos die antike Stadt Akragas. Sie soll bis zu 200.000 Einwohner gehabt haben, war geschützt durch steile Abhänge und einer sie umgebende 12 Kilometer langen Mauer. Nach dem Sieg über die Karthager bei Himera im Jahre 480 v. Chr. begann man als Zeichen der Macht mit dem Bau der gewaltigen Tempelanlagen. Wie das Schicksal so ist, wendete sich das Blatt der Geschichte nach 75 Jahren zugunsten der Karthager, die Akragas nach achtmonatiger Belagerung eroberten, plünderten und zerstörten. Erst unter den Römern erlangte Agrigentum wieder Bedeutung und Wohlstand. Zur Zeit der Völkerwanderung verschwand Agrigentum wieder in die Bedeutungslosigkeit. Kurzzeitig blühte es unter den Normannen wieder auf. Ab dem 19. Jahrhundert, als man mit der Ausgrabung und Freilegung der antiken Baudenkmäler begann wuchs Agrigento, wie es unter Mussolini genannt wurde, wieder. Heute ist es eine Provinzhauptstadt mit ca. 55.000 Einwohnern.
Wir
beginnen unsere Besichtigung am Heraklestempel und wandern langsam den Weg
zum Concordiatempel (s. vorstehendes Photo) hinauf. Dies ist einer der
besterhaltenen dorischen Tempel. Der Juno Lacinia-Tempel, etwas weiter
östlich, nahe der antiken Stadtmauer ist bei weitem nicht so gut erhalten.
Wir kehren um.
»Dove sono le vostre bici?« fragt uns plötzlich ein Italiener. Wir schauen ihn verduzt an. Woher weiß er von unseren Rädern? Er erklärt uns, daß er uns am Vortag in Donnafugata gegen den Sturm hat kämpfen sehen. Na ja, Tourenradler sieht man auf Sizilien doch nicht so häufig.
Vom Tempel des Olympischen Zeus (nebenstehendes Photo) blieb nach der Erorberung Akragas durch die Karthager keine Säule mehr stehen. Der Tempel mit seinen enormen Ausmaßen von 57 x 113 m war größtenteils unter der - nicht freiwilligen - Mithilfe von karthagischen Kriegsgefangenen errichtet worden. Im 19. Jahrhundert begann man, die verbliebenen Säulen wieder aufzurichten. Von den acht Meter hohen steinernen Figuren, die das Gebälk stützten, ist eine im nahen Museum zu besichtigen.
Das
dritte bekannte Bauwerk in Agrigento ist der Tempel der Dioskuren,
auch Castor- und Pollux-Tempel genannt. Er befindet sich an der
südwestlichen antiken Stadtmauer. Auch dieser Tempel war fast völlig
zerstört. Im 19. Jahrhundert wurde ein kleiner Teil, ein Eckkontraktion,
wieder aufgerichtet. Dieser Baurest ist zusammen mit dem Theater in Taormina
das meist photographierte Denkmal Siziliens und das Wahrzeichen von Agrigento.
Zur Abrundung der Besichtigung fahren wir dann zum Archäologischen Museum, das 1968 eröffnet wurde. Hier werden nur Funde aus der Umgebung ausgestellt. Der Zusammenhang von Fundgegenständen und Zeitgeschichte wird besonders herausgearbeitet. Es würde den Rahmen dieses Reiseberichts sprengen, wenn man hier auch nur auf die wichtigsten Exponate näher einginge. Man kann jedem Sizilienreisenden nur den Besuch des Museums empfehlen.
Der Regen
hat sich zur Gänze verzogen. Wir fahren hinauf in die Neustadt. Nach
dem touristischen Highlight der antiken Tempelanlagen Agrigentos folgt
etwas ganz Profanes aus dem Radleralltag: nach vier Tagen auf dem Sattel
sind unsere sauberen Radtrikots "aufgebraucht". Im örtlichen
Branchenverzeichnis werden wir nicht fündig auf der Suche nach einem
Münzwaschsalon. Mit der Wäsche in einer Radtasche machen wir uns
zu Fuß auf die Suche in der Neustadt. Ohne Erfolg, wie man an den
nebenstehenden Photo sehen kann. Die Wäsche muß auf traditionelle
Art im Handwaschbecken in Hotelzimmer gewaschen werden. Zum Trocknen werden
die Trikots und Hosen an der Fensterlade und sonstigen geeigneten Stellen
aufgehängt.
Vom Besuch in der Neustadt bleibt die Besichtigung des Doms auf der höchsten Erhebung Agrigentos zu erwähnen. Die nahezu vollständig bemalte Freibalkendecke aus dem Jahre 1518 zählt zu den Hauptattraktionen des Doms. Weiterhin beeindruckt die Südfassade mit dem nicht vollendeten Glockenturm. Die großzügige Treppenanlage betont die Fassade noch zusätzlich.
Die vom Dom nach Süden herabführenden Gassen sind verwinkelt, teilweise von Treppen unterbrochen. In diesem Viertel gibt es noch viel zu tun, die teilweise oder auch zur Gänze zerstörten Häuser wieder aufzubauen. Das gilt auch für die Kirche Santa Maria dei Greci.
Als
wir die Laden vor unseren Fenstern öffnen, natürlich ist die
Radlkleidung trocken (honi soi qui mal y pense ), sehen wir einem
schönen, sonnenreichen Tag entgegen. Frühstücken und und
Radl-Packen sind schnell gebont. Nun gilt es, aus dem Straßen-Wirrwarr
von Agrignento herauszufinden. Ein letzter Blick zu den beeindruckenden Tempeln!
Es werden nicht die letzten sein.
Die Tagesdaten zeigen eine lange Etappe mit vorausberechneten 122 Kilometern, die Höhenmeter nach "Kartenlage" sind mit 312 Hm eher als bescheiden zu erwarten. Irrtum: gefahren haben wir 1243 Hm, dazu noch ein steifer West-, d. h. Gegenwind. Ouff! Wo wir unsere Höhenmeter 'verbraten' haben, können wir im Nachhinein nicht mehr geanu feststellen. Für den Verfasser ist es ein Desaster, denn nichts ist schlimmer als als 'unterschlagene Höhenmeter'. Die Distanz ist jedoch mit 116 km um 5 km geringer als vorausberechnet. Der Planer wird immer dann zur Rechenschaft gezogen, wenn die Anforderungen höher sind als die Erwartungen. Natürlich kann man sich in dieser Situation auf das ungenaue Kartenmaterial berufen. Aber so einfach ist das in diesem Fall nicht:
Wir haben - trotz intensiven Suchens - inkl. Mehrkilometern und Mehrhöhenmetern die Abfahrt in die direkte Straße nach Cattolica-Eraclea nicht gefunden. Aber auch hier hätten uns mehr Höhenmeter erwartet als aus den referenzierten Karten herauszulesen ist.
Wir haben die SS115, wo wir schließlich gelandet sind, wo immer möglich auf "Parallelstraßen" umfahren.
Auf die Stichstraße in Richtung Eraclia Minoa haben wir verzichtet.
Die Kartenlage gibt auch heute - nach diversem Nachrechnen - keine anderen Entfernungen her. Bei den Höhenmeter vermisse ich die tatsächliche Aufzeichnung, die angesichts der beschränkten Speicherkapazität eines Computers überschrieben worden ist. Das soll sich nicht wiederholen!
Nun zur Tourbeschreibung:
Wie bereits gesagt, finden wir den Weg auf die Straße in Richtung
Cattolica-Eraclea nicht. Wir verbleiben auf und nahe der SS115. Dann
können wir nach Siculiana diese ungeliebte Straße durchgehend
auf einer Parallelstraße umfahren. In Montallegro werden wir
kurzzeitig durch eine Karfreitagsprozession aufgehalten (s. Photo). Die
katholische Kirche ist hier in Sizilien selbst auf dem flachen Lande technisch
dem Islam ebenbürtig: das, was man zu sagen oder zu singen hat, wird
durch mobile Funklautsprecher begleitet.
Ansonsten fahren wir durch eine sehr abwechselungsreiche Landschaft. Blühendes Sizilien! Die Insel zeigt sich von ihrer besten Seite. Die Esel am Abhang neben der Straße schauen verdutzt an: Wollen die Beiden mit ihren Drahteseln uns etwa Konkurrenz machen?
Eraclea Minoa liegt auf einem malerischen Hochplateau (75 m), dem heutigen Capo Bianco. Überreste eines griechischen Theaters, der Stadtmauern und einige Wohnhäuser sind hier zu sehen. Man kann durch die alten Steine stiefeln oder auch am wunderschönen, piniengesäumten Sandstrand faulenzen. Angesichts des Zeitverlustes bei der Suche nach dem geplanten Weg, verzichten wir auf den Abstecher nach Eraclea Minoa.
Etwa
30 km von Eraclea Minoa entfernt befindet sich Siziliens berühmtes
Thermalbad Sciacca (39 000 Einwohner), dessen Schwefelquellen schon
von den Griechen und Römern geschätzt wurden, letztere nannten
den Ort und Thermae Selinuntinae. Heute lebt die Gegend neben dem
Kurbetrieb vor allem von Landwirtschaft und Fischfang. Während der
arabischen Zeit stieg Sciacca (as-Saqah) zum wichtigen Agrar- und
Handelszentrum auf, vom Normannen Roger I. wurde es befestigt. In den 1980er
Jahren wurden Pläne zum Ausbau der beschaulichen Kleinstadt zum
zweitgrößten Ferienort nach Taormina entwickelten Pläne,
die zum Glück nie ganz verwirklicht wurden. Die wenigen Neubauten liegen
fast alle am Stadtrand, und so bewahrt das Zentrum noch seine historische
Atmosphäre und Sciacca bleibt auch weiterhin ein einfacher
Thermalkurort mit einer allerdings prächtigen Jugendstiltherme.
Wir radeln mitten durch den Ort und folgen dann der SP79. Der Verkehr hält sich trotz des freitaglichen Feierabendverkehrs in Grenzen, was man vom Wind nicht behaupten kann. Eine konstante steife Brise weht uns entgegen. So werden die letzten 42 Kilometer noch recht anstrengend. Hinzu kommt, daß es ein ständiges Auf und Ab gibt, es sind zwar keine extremen Steigungen zu bewältigen, aber hier mal 50 Höhenmeter, dann weitere 100 usw., das summiert sich.
Erschöpft kommen wir in den kleinen Hafen Marinella bei Selinunte an. Marinella, einst ein ruhiger Fischerort, hat sich mit dem touristischen Ansturm auf das nahe Selinunt zu einem - immer noch - kleinen Ferienort mit Charme verwandelt. Fischer verkaufen frische Sardinen direkt vom Boot. Eine Reihe vom Hotels und Ristorante bieten dem Reisenden Bett, Dach über dem Kopf sowie Speis und Trank. Im Hotel Alceste fühlen wir uns gut aufgehoben.
Ein schöner Sandstrand liegt westlich des Hafens und zieht sich bis unterhalb der Ausgrabungen von Selinunte hin. In östlicher Richtung liegt das Riserva Naturale Fiume Belice mit ebenfalls wunderbaren, feinen Sandstränden. Also, man kann es hier aushalten. Den Abend verbringen wir bei Nudeln, Fisch und Wein in einer kleinen Trattoria.
Nach dem Frühstück - es gab ein hervorragendes Frühstücksbuffet - packen wir unsere Sachen auf die Räder und fahren hinüber in den antiken Bezirk von Selinunte. Tatsächlich sind es zwei durch ein kleines Tal getrennte Bezirke. Auf dem Osthügel befinden sich die mächtigsten Tempel der Stadt. Wir können unsere Räder mit in die Anlage nehmen. Das erspart uns, die langen Wege zu Fuß bewältigen zu müssen. Der besterhaltene Tempel ist der Tempel E (s. Photo). Ein seltsamer Name für einen Tempel, aber hier in Selinunte wurden alle Tempel mit Buchstaben bezeichnet, weil sie man (noch) nicht eindeutig einer Gottheit zuordnen konnte. So, wie sich der Tempel E heute den Besuchern präsentiert, ist er erst seit 60er Jahren des 20. Jahrhundert, als die Säulen wieder aufgerichtet wurden. Von dem daneben liegenden Tempel F und dem gewaltigen Tempel G sind mehr oder weniger nur noch die Grundmauern erhalten, darüber türmt sich ein imposantes Säulentrümmerfeld.
Im
7. Jahrhundert v. Chr. gründeten Siedler aus Megara Hyblaia bei
Syrakus auf einem von zwei Flüssen umflossenen Areal die Stadt
Selinunte. Ein Hafen (der mittlerweile versandet ist) wurde angelegt
und auf dem fruchtbaren Ackerland Weizen, Oliven und Wein angebaut.
Offensichtlich haben sie sich mit den Karthager, die das Gebiet als ihr
Hoheitsgebiet ansahen, friedlich verstanden. Ihre Blütezeit erlebte
die über 100.000 Einwohner zählende Stadt im 6. und 5. Jh. v. Chr.,
als große Bauprojekte in Angriff genommen wurden, um den Reichtum der
Stadt zu demonstrieren.
Mit
den Jahren wuchs der Machtanspruch, und 580 v. Chr., zu der Zeit, als die
Selinuntiner ihren ersten großen Tempel errichteten, führten sie
auch den ersten Kriege gegen die angrenzenden Segestaner. Er wurde verloren,
da die Karthager den elymischen Segestanern beistanden, es war nicht letzte
Kampf zwischen den beiden Stadtstaaten. Die Wirtschaft Selinuntes
hat wohl nicht sehr unter der Niederlage gelitten, denn die großen
Tempel wurden ohne Unterbrechung weitergebaut.
Selinunte blühte auf, dehnte sein Einflußgebiet aus, gewann mehr und mehr an Macht. Selinunte wurde 409 v. Chr. von Hannibal zerstört. Der eigentliche Grund des unerwarteten Angriffs der Karthager auf die befreundete Stadt war schon der Antike unerklärlich und bis heute wird weiter darüber gerätselt. Bei dem großen Angriff der Karthager auf die gesamte griechische Welt Siziliens 480 v. Chr. war Selinunte jedenfalls noch mit ihnen verbündet gewesen. Nach neuntägiger Belagerung wurde Selinunte eingenommen und zerstört. Hannibal ließ die Mauern schleifen, 16.000 Bürger auf der Agora hinrichten und 5.400 als Sklaven verkaufen; 3.000 gelang es, nach Syrakus zu entkommen.
Wir
fahren jetzt hinüber auf die Akropolis. Bei einer Cafeteria
schließen wir die Räder an und begeben uns zu Fuß durch
die Gassen zwischen den antiken Tempeln und sonstigen Ruinen. Hier oben auf
dem Plateau hat man schon eine hervorragende Aussicht über die umliegende
Landschaft.
Mit den Rädern fahren wir weiter zum ca. einen Kilometer westlich gelegenen Heiligtum der Demeter-Malophorus. Auf der Westseite des umzäumten archäologischen Areals gibt es noch ein Tor. Wenn wir dieses benutzen können, sparen wir uns einige Kilometer auf unserer Weiterfahrt nach Marsala. Der Torwärter läßt sich jedoch nicht erweichen und sperrt uns das Tor nicht auf. Also müssen wir wieder gesamten Weg zurück bis Marinella fahren und dann können wir außen um die Anlage herum in Richtung West unseren Weg fortsetzen.
Campobello di Mazara ist der erste größere Ort auf unserem Weg. Wir kaufen für ein Picknick ein und trinken eine Kleinigkeit. Nun fahren wir vorbei an den Steinbrüchen von Cave di Cusa, von wo das meiste Baumaterial unter riesigem Aufwand nach Selinunte verbracht wurde. In Granitola-Torretta kommen wir wieder ans Meer. Der kleine Hafen liegt malerisch an der Küste. Picknick-Platz Fehlanzeige! Alle schönen Plätze sind bereits von irgendwelchen kommerziellen Unternehmungen in Anspruch genommen. Wir radeln direkt an der Küstenlinie weiter in der Hoffnung, auf den nächsten Kilometern bis Mazara del Vallo ein geeignetes Plätzchen zum Picknick zu finden. An diesem Abschnitt ist die Küste relativ flach, aber felsig, zum Teil ein Müllabladeplatz. Was einigermaßen einladend ausschaut, ist privat.
Wir picknicken im gepflegten Stadtpark von Mazara del Vallo. Auf den Parkbänken in der näheren Umgebung hängen einige Penner und Stadtstreicher herum, wir werden aber in Ruhe gelassen Das Hafenviertel von Mazara ist noch heute fest in nordafrikanischer Hand. Tunesische und marokanische Einwanderer sitzen vor ihren Häusern, trinken Tee oder rauchen Wasserpfeife oder gehen auf die Knie, um gen Mekka zu beten, ca.10 Prozent der Einwohner von Mazara huldigen dem Islam.
Die nächsten Kilometer bis Marsala sind unspektakulär und werden rasch absolviert. Hier beschließen wir, die restlichen unspektkulären Kilometer bis Trápani mit dem Zug zu absolvieren.
Trápani
(73.000 Einw.) ist zum größten Teil eine modern wirkende
Provinzhauptstadt und daher vordergündig für Urlauber nicht unbedingt
attraktiv. Erst auf der sichelförmigen Halbinsel kann man das alte
Trápani mit seinem ehemals zu Erice gehörenden
Hafen entdecken. Im Hafen selbst sieht man am Abend hochhäusergroße
Fährschiffe, die in Richtung Lampedusa, Malta oder
Tunis starten.
Der besonders am Abend lebendige Fußgängerverkehr in den verkehrsberuhigten, engen Gassen hält sich angesichts des Karsamstags in Grenzen. Trápani, einst reich geworden durch die Salinen und den Salzhandel, lebt mittlerweile überwiegend vom Dienstleistungssektor, hierunter zählt auch der Tourismus. Die Liste der sehenswerten Gebäude ist lang, Selbstentdecken ist hier verlangt.
Der Abend in Trápani gestaltet sich etwas schwierig und einseitig: zum Ersten, es ist Karsamstag und viele Lokale haben geschlossen, zum Zweiten, die Auswahl ist sehr begrenzt und damit nicht repäsentativ. Deswegen gibt es auch keinen Kommentar über unseren kulinarisch bescheidenen Aufenthalt beim Abendessen.
Ein strahlend blauer Himmel empfängt uns zum Osterfest.
Nach einem italienischen Frühstück verlassen wir das Hotel und
fahren auf der Via G. B. Fardella in östlicher Richtung auf
Erice zu. Sehr plötzlich wechselt die Straßenneigung von
ungefähr horizontal auf kräftig nach oben weisend. Mit durchschnittlich
sieben Prozent geht es nun die nächsten 12 Kilometer bergauf nach
Erice, die Steigung ist relativ konstant.
Adlerhorstartig thront Erice auf einer eindrucksvollen Bergspitze, umgeben von fast vollständig erhaltenem Stadtmauern. Nach der Legende soll einst Aeneas, Königssohn aus Troja und Sohn der schaumgeborenen Aphrodite, hier auf seiner Flucht vor den Griechen die Stadt gegründet haben. Nachweislich ist aber erst eine Besiedlung unter den Elymern und Phöniziern. Ihren Namen verdankt die Stadt jedenfalls dem Elymerkönig Eryx, auch er ein Sohn der Aphrodite. Unter der Herrschaft der Normannen wurde Erice in ein mächtiges Kastell umgebaut und es bekam den Namen Monte San Giuliano. Erst 1934 bekam die Stadt ihren ursprünglichen Namen wieder.
Geschafft! Wir sind
in Erice angelangt. Am Parkplatz schließen wir unsere Räder
an. Gleich hinter der Porta Trápani, dem normannischen Eingangstor
zur Stadt, erhebt sich die zinnenbekrönte Chiesa Matrice aus dem Jahre
1314 (s. Photo). Die dreieckige Stadtanlage erscheint wie ein Labyrinth,
die engen, steingepflasterten Gassen und unverputzten Natursteinhäuser
gäben eine prächtige Kulisse ab für Filme mittelalterlichen
Sujets.
Es herrscht reger Betrieb in den Gassen. Erice ist ein beliebtes Ziel für einen Osterausflug. Demzufolge haben wir einige Schwierigkeiten, einen freien Tisch in einem der zahlreichen Restaurants zu bekommen. Die Mittagspause dauert dann wegen des äußerst langsamen Services länger als geplant. Als wir das Restaurant verlassen, müssen wir leider feststellen, daß Regenwolken den Himmel verdunkelt haben. Keine schönen Aussichten nach dem strahlend blauen Himmel am Morgen.
Die Abfahrt hinunter nach San Marco schaffen wir noch ohne Regenbekleidung. Jetzt aber müssen wir rasch in Regenüberhose und Regenjacke schlüpfen. Auf den nächsten Kilometern folgt dann ein Wechselspiel: Regenkleidung aus, Regenkleidung an. Ein ähnliche Wechselspiel bereitet der Streckenverlauf: kurvenreich und immer auf und ab.
Segesta
erreichen wir gegen 18 Uhr. Bis 19 Uhr soll gemäß Reiseführer
der antike Bereich geöffnet sein. Doch man gewährt uns keinen
Einlaß und verweist auf ein Schild, daß der letzte Einlaß
eine Stunde vor der Schließung möglich sei. Ein kurze Blick aus
der Entfernung auf den Tempel, das war's.
Weiter geht's in Richtung Castellammare del Golfo. Nach einigen Kilometern beginnt es wieder zu regnen. Diesmal hört der Starkregen nicht mehr auf. Triefnaß kommen wir in Castellammare an. Die Suche nach einem freien Hotelzimmer gestaltet sich schwierig, überall ist man ausgebucht. Am Ende der Hafenbucht erspähen wir ein Haus, das nach einem Hotel ausschaut. Es gibt hier aber keinerlei Beschilderung. Wir fahren trotzdem hin. Es ist ein Hotel, Neubau, gerade drei Tage offen und ein freies Zimmer. Hurra!
Die Albergo Cala Marina ist ein rundum gelungenes Haus. Die Garage war noch nicht ganz fertig, aber wir können unsere Räder trotzdem abstellen. Jetzt nichts wie heraus aus den nassen Klamotten und eine warme Dusche! Später finden wir noch ein gemütliches Ristorante, wo wir den Abend ausklingen lassen.
8. Tag (Tabelle) (Seitenanfang)
Am heutigen
Tag können wir die Etappe relaxed angehen; die wenigen Höhenmeter
(481, wie wir am Ende des Tages vom Radcomputer ablesen können) verteilen
sich auf rund 72 Kilometern; 77,6 km sind es dann tatsächlich, weil
wir auf der Hotelsuche in Palermo noch einige Runden drehen. Dazu
später mehr.
Die wunderschöne Bucht von Castellemmare del Golfo liegt sonnenbeschienen unter einem tiefblauen Himmel vor uns. Der Verkehr ist in der Frühe etwas stärker als erwartet. Die Sizilianer machen einen Osterausflug. In Balestrate, dem nächsten Ort kaufen wir zum Picknick ein, dann geht's weiter. Erst vereinzelt, dann immer mehr und schließlich umgibt uns ein konstanter Geruch von Grillfeuern. In allen Vorgarten, auf freien Flächen im Park und sogar auf einem Gehweg vor einem Mietblock wird gegrillt.
Im Park von Terrasini finden wir ein schönes Plätzchen zum Picknicken mit Meerblick. Am anderen Ende der Bucht sieht man den Flughafen Palermo - Punta Ráisi. Die Flugbewegungen sind gering. Wir schauen noch einmal im Fahrplan nach, wann ein Zug von Cinisi nach Palermo abfährt; für alle Fälle, falls der Verkehr zunimmt.
Wieder auf der Straße stellen wir zu unserer Verwunderung fest, daß der Verkehr am frühen Nachmittag gering ist. Wir fahren weiter mit dem Rad, wir haben ja immer noch die Möglichkeit, an weiteren Orten in den Zug zu steigen, falls der Verkehr zunimmt. Nach ca. 72 Kilometern sind wir in Palermo Stadtmitte angekommen.
Nun geht es an die Zimmersuche. Wir müssen feststellen, daß einige der Hotels, die wir in die Vorauswahl genommen hatten, Etagenhotels sind, d.h. das Hotel besteht aus einer Etage in einem größeren Haus. Die Möglichkeit hier unsere Räder unterzubringen, ist äußerst bescheiden. Im nächsten Hotel gibt es ein freies Zimmer, aber nur für eine Nacht; wir wollen jedoch zwei Nächte bleiben. Nach einigem Hin und Her landen wir im Joli Hotel am schönen Piazza Ignazio Florio, das Hotel darf nicht mit den Jolly Hotels verwechselt werden. Wir bekommen ein schönes Zimmer mit Dachgarten und Blick auf die Dächer von Palermo.
Wir nutzen den restlichen Nachmittag, um einen ersten Spaziergang durch das Zentrum von Palermo zu unternehmen. Die Kontraste, denen man überall auf Sizilien begegnet, können hier in Palermo auf wesentlich engerem Raum beobachtet werden: Schönes gleich neben Potthässlichem, die enge Nachbarschaft vom arm und reich.
An diesem Abend haben wir Schwierigkeiten, ein geöffnetes Restaurant zu finden, die wenigen geöffneten sind überfüllt. Wir melden uns dann in einem Ristorante an, nach einer Stunde dürfen wir wieder kommen, dann wird ein Tisch frei sein
Besichtigungstag in Palermo (Tabelle) (Seitenanfang)
Mit
strahlend blauem Himmel empfängt uns der neue Tag auf unserer Dachterrasse.
Wir genießen den Blick hinüber zum Monte Pellegrino (s.
Photo). Erst frühstücken und dann nichts wie ab in diese quirlige
Stadt.
Palermo, im 8. Jahrhundert v. Chr. von den Phöniziern gegründet, nahm im Altertum unter den Phöniziern, Karthagern, Griechen und Römern keinen wichtigen Platz im Leben der Insel ein. Erst mit den Arabern kam 831 n. Chr. der Umschwung. Als Hauptstadt des selbstständigen Emirats Bulirmi wuchs die Stadt , es wurden Paläste, öffentlichen Gebäude und Moscheen gebaut, Palermo erlebte eine große Blütezeit. Über 300 Moscheen, zahlreichen Basare, wasserreiche Gärten und schimmernde Lustschlösser soll die Stad gehabt haben. Im Gebiet rund um die "Conca d'Oro" (Goldene Muschel) sollen über 300.000 Einwohner verschiedenster Kulturen gewohnt haben, das Zentrum war der arabische Herrschaftspalast Al-Qasr, der spätere Normannenpalast. Der Emir residierte in dem Meer zugewandten und befestigten Viertel al-halisah, La Kalsa.
Unter den Normannen wurde Palermo als Hauptstadt bestätigt (1130). Friedrich II. setzte auf die von den Arabern übernommene Politik der religiösen Toleranz , auch hierdurch erlebte die Stadt einen ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwung. Die spanischen Vizekönige prägten das heutige Stadtbild. Heute haben Palermo, mit rund 700.000 Einwohnern fünftgrößte Stadt Italiens, die alltäglichen Großstadtprobleme eingeholt: Verkehrsinfarkt, hohe Arbeitslosigkeit, insbesondere unter Jugendlichen, ...
Mittlerweile
hat sich in der Stadt einiges zum besseren gewandt. Das historische Zentrum
ist zum Sanierungsgebiet erklärt worden, viele Palazzi und Plätze
erhalten eine Restaurierung. Autofreie Sonntage erhalten ein geteiltes Echo.
Nach 23 Jahren wurde das renommierte Teatro Massimo, auf dessen Bühne
einst Enrico Caruso und Maria Callas standen, wieder eröffnet. Der
Einfluß der Mafia ist zurückgedrängt, aber keinesfalls
gebrochen.
Zuerst wollen wir die Kathedrale besichtigen, in der sich auch das Grabmal Kaiser Friedrichs II. befindet, Frederico due, wie ihn die Italiener liebevoll nennen. Über die Via Roma, Via Cavour und Via Maqueda gelangen wir zur Kreuzung Quattro Canti. Wegen ihrer auffälligen Eckhäuser wird die Kreuzung von den Palermitanern so genannt. Nordwestlich der Straßenkreuzung Quattro Canti liegt das Albergheria-Viertel. Durch schwere Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg schwer getroffen wurde es nie richtig wieder aufgebaut. Es ist Armen- und zugleich Marktviertel. Hier zeigt sich wieder der zuvor schon beschriebene Kontrast auf Sizilien. Nun gehen wir die Via Vittorio Emanuele hinauf zur Kathedrale.
Diesen Dom
ließ der normannische Erzbischof von Palermo, Walter of the
Mill, Ende des 12. Jahrhunderts an der Stelle der Großen Moschee errichten.
Die monumentalen Ausmaße des Baus sind überwältigend,
spätere Umbauten haben den normannischen Ursprungsbau ziemlich
verändert, nur die Chorpartie zeigt noch etwas vom ursprünglichen
Aussehen. Unter den Spaniern wurde an der Südfassade völlig
verändert. Am radikalsten veränderte man den Dom jedoch Ende des
18. Jahrhunderts durch den Bau der monumentalen Kuppel und den klassizistisch
umgestalteten Innenraum.
Der Palazzo dei Normanni heute Sitz des sizilianischen Parlaments, ist unser nächstes Ziel. Er geht auf den arabischen Herrschaftssitz Qasr zurück. Die Normannen erweiterten der Bau zu einem prunkvollen Königspalast mit vier mächtigen Ecktürmen, von denen lediglich die Torre Pisana erhalten blieb. Eine ausladende Freitreppe führt ins Innere des Palastes mit der Capella Palatina, die Roger II. im Jahr seiner Königskrönung (1130) in Auftrag gab. Lange Schlangen vor dem Zugang lassen erahnen, daß es hier etwas kunsthistorisch Bedeutendes zu sehen gibt. Die Wartezeit hält sich dann aber doch in Grenzen und mit dem letzten Schwung Besucher vor der Mittagspause werden wir durch die dreischiffige lateinische Säulenbasilika mit der Kreuzkuppelkirche griechisch-byzantinischer Tradition geschoben, in der in einzigartiger Art und Weise die damals vorherrschenden kulturellen Einflüsse verschmolzen sind: byzantinische Mosaikkunst mit arabischer Ornamentik. Zur kostbaren Ausstattung gehören auch der marmorne Osterleuchter aus dem 12. Jahrhundert und die mit den vier Evangelistensymbolen geschmückte Kanzel. Der Königsthron an der Westwand, dessen obere Hälfte wiederum vom thronenden Christus beherrscht wird, unterstreicht den weltlichen und sakralen Herrschaftsanspruch der Normannenkönige.
Monreale
ist unser nächstes Ziel, zu dem wir mit einem städtischen Linienbus
fahren. Der normannische König Wilhelm II. ließ ab 1172 auf dem
300 m hohen Monte Reale, dem "königlichen Berg" einen neuen Dom
errichten. Der Bischof von Palermo, der schon erwähnte Walter
of the Mill, war dem König zu papsthörig, so baute sich letzterer
einen neuen Dom. Ein Benediktinerkloster und der Königspalast kamen
später hinzu. Der König erhob Monreale zum Erzbistum und
stattete es mit ausgedehnten Ländereien und Privilegien aus, weiterhin
bestimmte er das Gotteshaus zur Grablege der normannischen Könige, was
allerdings nicht so ganz befolgt wurde. Noch, obwohl dicht umbaut, ist der
Dom das Herzstück des kleinen Städtchens Monreale. Einen
"Smaragd in goldener Fassung" nennt man die romanische Bronzetür an
der Westseite, die 1185 Bonnano da Pisa erschuf. Die 42 Bildfeldern
erzählen mit sparsamen Gesten und wenigen Attributen gezeichnete Figuren
von den wichtigsten Ereignisse aus dem Alten und Neuen Testament. Das Portal
ist aber nur zu wichtigen Feierlichkeiten geöffnet, so betritt man heute
die Kirche durch das Nordportal.
Das Innere
des Doms von Monreale ist mit einer flirrenden Pracht von goldgrundigen
Mosaiken schier überladend. Auf über 6000 m2 wird eine
der vollständigsten Bilderbibeln des Mittelalters gezeigt. Sizilianische
und venezianische Mosaikkünstler schufen eine Welt, in der die Gestalten
keine Schatten werfen und keine Tiefe kennen. Die zentrale Apsis wird von
einem monumentalen Christusbild beherrscht. Die beiden Throne für den
König und den Bischof im Querschiff sollen die Einheit von weltlicher
und kirchlicher Macht symbolisieren.
Äußerst beeindruckend ist der Kreuzgang des benachbarten Klosters,
den 228 Zwillingssäulenpaare, gedreht, gewunden und verschlungen, verziert
mit Zickzack-Kanneluren oder Marmorintarsien umsäumen. Die Steinmetze
meißelten in die Kapitelle eine fantastische Bilderwelt mit Ereignissen
aus dem Alten und Neuen Testament, sowie mit Abbildungen heidnischer Kulte
und Szenen aus dem Alltagsleben.
Einen schönen Überblick über den Kreuzgang erhält man von den Terrassen der Kirche, auf die man - versteht sich gegen eine kleine Gebühr - über ein Gewirr von sehr engen Treppen gelangt. Von hier hat man auch einen phantastischen Blick über die Conca d'Oro, wie die Bucht von Palermo genannt wird.
Nach so viel
Kultur hungrig geworden, kehren wir in ein Pizzaria am Domplatz ein. Wir
lassen uns eine gute Pizza zusammen mit einem Glas Wein schmecken.
Mit dem Linienbus kehren wir wieder zurück nach Palermo. In der Nähe des Palazzo dei Normanni befindet sich die Kirche S. Giovanni degli Eremiti mit ihren charakteristischen roten Kuppeln, umgeben von einem gepflegt verwilderten Garten. Roger II. ließ die Kirche an dieser Stelle auf den Grundmauern einer Moschee erbauen. Die Vereinigung von maurischen und christlichen Bauelementen machen den Reiz dieses Bauwerks aus.
An der Piazza Bellini stehen die im 12. Jahrhundert errichteten Kirchen Martorana und S. Cataldo. Erstere stiftete der zum Christentum konvertierte Großadmiral Georgios von Antiochia, der er den Namen S. Maria dell'Ammiraglio gab. Unter den Spaniern wurde sie in Martorana umbenannt. Trotz zahlreicher Barockisierungsmaßnahmen ist der arabisch-normannische Grundbau erhalten geblieben. Wir können die Kirche nur vom Eingang aus einsehen, weil gerade eine Hochzeit zelibriert wird. So sehen wir nur einen kleinen Teil der prächtigen Mosaiken. In der Kirche S. Cataldo ist ebenfalls eine Vermischung von normannischen und arabischen Stilelementen sichtbar. Sie wurde ab 1154 erbaut und ist eine letzten in Sizilien, die im arabisch-normannischen Stil erbaut wurden. Die Kuppeln zieren im Gegensatz zur Martoran keine Mosaike und haben sie auch noch geziert.
Nach einem so anstrengenden Besichtigungsprogramm haben wir "runde Füße". Der Abend klingt bei einem guten Abendessen und einem Glas Wein aus.
9. Tag (Tabelle) (Seitenanfang)
Palermo
im morgendlichen, um 9 Uhr in der Frühe fast schon abklingenden,
Berufsverkehr! Dieses Abenteuer sollte man sich nur zumuten, wenn man bereits
sizilianische Verkehrserfahrung hat. Immer schön der Reihe nach: das
1. Semester in Rom, das 2. in Neapel, das 3. in Palermo.
In allen drei Städten wird mehr oder weniger nach dem gleichen Grundmuster
gefahren: Nutze jeden freien Raum; Verkehrsvorschriften sind allenfalls eine
nicht normative Verhaltensanleitung! Um Mißvertändnissen vorzubeugen,
es wird nicht aggressiver als in vielen deutschen Großstädten
gefahren; genau das Gegenteil ist der Fall, man fährt sensitiv.
Sensitiv muß auch der Radler sein, um sich nicht zu gefährden.
Als wir kurz vor Ficarazzi die SS 113 verlassen dürfen, um an der Küstenstraße in Richtung Capo Zafferano weiter zu radeln, ist das schlimmste bereits überstanden. Jetzt haben wir einige Höhenmeter zu erwarten, es sind jedoch nur wenige, wenn auch teilweise heftige, kurze Anstiege. Capo Zafferano (s. Photo) ist ein Highlight der Küste westlich von Palermo. Der einzig wirkliche Anstieg des Tages führt nach Solunto, hier sind am Stück mit einer durchschnittlichen Steigung von 9 % ca. 100 Höhenmeter zu absolvieren.
Der
Besuch von Solunto lohnt sich. Die Größe der Anlage beeindruckt
den Besucher. Viele alte Steine stehen zwar nicht mehr übereinander,
das nebeneinander der Steine beeindruckt jedoch. Wovon wird geschrieben?
Es sind die Ruinen der einstigen phönizischen Stadt Solunto.
Die Umsiedlung der Stadt aus der Ebene, wo sie wahrscheinlich ursprünglich
gelegen hat, auf den Berg ist eine Konsequenz der karthagisch-syrakusanischen
Kriege, die eine sichere Lage und die Befestigung notwendig machten.
Sich rechtwinklig kreuzende Straßen mit teilweise zweistöckigen Häusern konnten wegen der Steile des Hanges nur terrassenförmig angelegt werden. Gut erhalten blieben neben der gepflasterten Hauptstraße das sogenannte Gymnasium, ein hellenistisch-römisches Wohnhaus mit Atrium und Säulenhof und das Haus der Leda. Am Ende der Hauptstraße öffnet sich der Blick auf den Capo Zafferano. Das Antiquarium am Eingang zum archäologischen Gebiet beherbergt das örtliche archäologischen Museum. Der Besuch gibt einen Überblick über die antike Fundstätte.
In Santa Flàvia fahren wir ein bis zwei zusätzliche Kilometer, um in diversen Lädern unseren Proviant für das Picknick zu beschaffen. Dann geht es in flotter Fahrt weiter. Angelegte Picknickplätze gibt es in Sizilien nur selten. Abseits von dicht besiedelten Gebieten bietet sich in der Natur (auf einer Wiese, auf einer Mauer zur Abgrenzung von Flurstücken) häufig ein Platz hierfür. In dichter besiedelten Gebieten kommen i.d.R. nur Parkbänke und dergleichen in Betracht. In San Nicola l'Arena finden wir eine solche Bank. Die Leute im Ort bemerken uns freundlich. Im Haus gegenüber will die Hausfrau einen Teppich über der Balkonbrüstung ausschütteln, sie sieht uns essen, nickt uns freundlich zu und legt den Teppich erst einmal zur Seite.
Términi
Imerese liegt auf einer Anhöhe. Die Oberstadt liegend nachmittags
unter dem Schatten von hohen Bäumen, Nach der Abfahrt in östlicher
Richtung umgibt uns ein von industriellen Einrichtung beherrschter
Küstenabschnitt. Zunächst ist es das Ölterminal und die
zugehörigen petro-chemischen Einrichtungen. Dann folgen eine Vielzahl
von sog. logistischen Firmen, sprich: Speditionen. Die nächsten Kilometer
sind flach, verkehrsreich und nicht besonders attraktiv.
Endlich sehen wir Cefalù und den sich über der Stadt auftürmenden, charakteristischen Felsen, der in vielen Werbeplakaten für Cefalù oder auch für ganz Sizilien vermarktet wird. Bevor wir uns auf Quatiersuche begeben, radeln oder schieben wir durch die belebten Hauptgassen von Cefalù. Die Stadt ist eine der touristischen Anziehungspunkte an der Nordküste Siziliens, in Radlerkreisen sehr beliebt, dazu später mehr.
Im Riva del Sole, einem gepflegten Badehotel direkt am Strand in Zentrumsnähe, finden wir Quartier. Unsere Räder können wir in der privaten Garage des Betreibers unterstellen. Nach dem Duschen geht's auf ins Örtchen.
Bald sind wir auf dem für den Autoverkehr gesperrte Corso Ruggero und gelangen bald zur palmenbestandenen und von Straßencafés gesäumten Piazza Duomo, dem Mittelpunkt der Stadt. Oberhalb des leicht ansteigenden Platzes steht die imposante Kathedrale, die der Normannenherrscher Roger II. kurz nach seiner Krönung ab 1131 für das neugegründete Bistum errichten ließ. Geplant war der Bau als Grablege der Normannendynastie, die Kathedrale war aber bei seinem Tod noch nicht vollendet, so daß die Sarkophage in der Kathedrale von Palermo aufgestellt wurden. Die mächtige Wehrkirche mit ihren wuchtigen Zwillingstürmen zählt zu den imposantesten Denkmälern der Normannenzeit. Im Innern der dreischiffigen Säulenbasilika befinden sich im Altarraum prächtige Mosaiken, die zu den ältesten Siziliens zählen. Im Zentrum auf goldenem Grund ist wieder Christus als Weltenherrscher. Die nicht sehr passenden modernen, bunten Glasfenster schuf Michele Canzonieri in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts.
Nicht versäumen sollte man den ca. 30-minütigen Spaziergang auf die Rocca von Cefalù, auf den der Name der Stadt Cefalù zurückgeht. Der Felsen, in dem man mit viel Phantasie einen menschlichen Kopf erkennen kann, nannten die Griechen Kephale. Unter den zahlreichen Überresten früherer Besiedlung ist besonders der aus gewaltigen Steinblöcken errichtete Tempel der Diana aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. interessant.
Beim Abendessen trafen wir zwei Reiseradler aus Deutschland, mit denen wir fachsimpelten und einige wichtige Informationen austauschten.
10. Tag (Tabelle) (Seitenanfang)
Heute geht es in die Berge! Zunächst noch eine Bemerkung zur Differenz zwischen den geplanten Kilometern (Tabelle) und den tatsächlich gefahrenen (Höhenplan). In Cefalù wohnten wir westlich des Zentrums (ca. 1 km) und in Nicosia sind wir ein bißchen umher gefahren, um ein Zimmer zu finden (ca. 1,5 km).
Nach dem ersten Kap östlichen von Cefalù sehen wir ein Hinweisschild zu einem Hotel, das in diversen Radzeitschriften Reklame für einen Radurlaub auf Sizilien macht. Eine erste Gruppe von ganz schnellen Rennern überholt uns kurz vor dem Abzweig auf die SS 286. An den Marken der Rennräder kann man erkennen, es sind wahrscheinlich Deutsche. Dann beim Aufstieg zum Portella di Montenero folgen die Fahrer der zweiten Gruppe, aber schon nicht mehr im Pulk. Kurz vor Castelbuono versuchen uns einige MTB-Fahrer zu erreichen, ohne Erfolg.
In
Castelbuono kaufen wir Proviant zum Picknick ein. Dieses
Madonienstädtchen umgibt ein 1316 errichtetes Kastell, einige historische
Gebäude wären zu erwähnen, dies würde aber den Umfang
dieses Berichtes sprengen. Nach einer zweimaligen Taldurchquerung folgt der
Aufstieg zum 1120 m hohen Portella dei Bafurco. Der Höhenmesser
kann die Angabe mit einem Wert von 1108 m bestätigen. Barometrische
Höhenmesser sind einmal vom herrschenden Luftdrucck abhängig! Der
18 km lange Aufstieg mit einer durchschnittlichen Steigung von ca. 4 % erfordert
Beständigkeit.
Wir durchfahren viele Vegetationszonen: unten auf Meereshöhe ist es Frühling, ab ca. 700 m ü. NN eher Vorfrühling und in 1000 m Höhe ziemlich frisch. Erstaunlich ist es, daß es sich südlich vom Portella dei Bafurco kälter anfühlt als am nördlichen Abhang, der südöstliche Wind ist daran schuld. Ach ja, das Picknick machten wir in Geraci Sículo. Ein weiterer Satz zur Landschaft: Tief eingeschnittene Täler und eher runde Bergrücken sind in Erinnerung geblieben; spektakuläre Ausblicke, wie etwa in den Alpen oder Pyrenäen - Fehlanzeige.
Nach der
Paßhöhe folgt ein ständiges Auf und Ab bis Nicosia. Der
nächste Ort Gangi zieht am Südhang des Monte Marone
hinauf. Gangi ist ein Ort, der vor allem in der spanischen Zeit Bedeutung
erlangte. Die Straße, der wir folgen, führt am Ortskern vorbei.
All unsere Reiseführer haben uns signalisiert, daß wir dies ohne
große Gefahr für unseren historischen und Kunstsinn bedenkenlos
tun können.
Nach einer angenehmen Abfahrt liegt Sperlinga vor uns. Der Ort wird von einer mächtigen Festungsruine aus der normannischen Zeit dominiert. Geschichtlich ist Sperlinga interessant, weil es während der »Sizilianischen Vesper« als einzige sizianische Stadt den Franzosen Zuflucht gewährte.
Es folgt eine Bergkuppe und eine Abfahrt. Dann geht es daran, den kurvenreichen Anstieg zu unserem Tagesziel Nicosia zu bewältigen. Nicosia, gleichnamig mit der auf Zypern gelegenen Hauptstadt dieser Insel, zeigt eine griechische Verbindung. Unser Nicosia liegt auf vier Bergkuppen und auf Sizilien. Es entwickelte sich wie viele Städte im inneren von Sizilien um ein normannisches Kastell. Nach einigem Umherfahren finden wir eine private Bleibe in dem von Hotels nicht unbedingt verwöhnten Ort. Auch das Abendessen ist uns in nicht wirklich bleibender Erinnerung.
11. Tag (Tabelle) (Seitenanfang)
Das uns versprochene Frühstück bleibt aus. Der Vermieter läßt sich nicht blicken. Nach einiger Wartezeit verlassen wir das Haus. Im nächsten Café stärken wir uns mit Espresso und Gebäck. Dann kaufen wir noch etwas zum Picknick ein. Am heutigen italienischen Nationalfeiertag ist nicht sicher, ob wir unterwegs noch ein geöffnetes Geschäft finden werden.
Zunächst
können wir es abwärts rollen lassen. Nach 15 Kilometern ist
schluß mit lustig! Es folgt ein langer Anstieg, der sich bis
Troina hinzieht. Es ist bewölkt bis bedeckt, ein böiger
Ostwind kommt auf. Die Straße verläuft in west-östlicher
Richtung im wesentlichen parallen zum Gebirgszug Nebrodi, was heißt,
daß es bei jedem aus dem Gebirge kommenden Bach bergab geht,
anschließend müssen die verlorenen Höhenmeter wieder ausgeglichen
werden. Insbesondere auf dem Abschnitt zum Troina und
Cesarò kämpfen wir die gegen die Höhenmeter und gegen
den Wind. Beide Orte passieren wir nur und fahren nicht ins Zentrum hinein,
was uns zusätzliche Kilometer und Höhenmeter erspart.
Auf der SS 289 sind wir erheblich mehr Autoverkehr ausgesetzt als auf dem Streckenabschnitt davor. Der Ätna kommt in Sicht. Die Flanken sind noch mit Schnee bedeckt, aus dem Krater raucht es. Bei Randazzo sind wir nur ca. 15 Kilometer Luftlinie vom Gipfel entfernt. Bei Francavilla erreichen wir den Fluß Alcantara. Es ist einer der wenigen Flüsse Siziliens, der gänzjährig Wasser führt.
Auf einen Besuch der Gola d'Alcantara müssen wir aus Zeitmangel verzichten, außerdem finden wir keinen Ort, wo unsere Räder sicher wären. Die Gola d'Alcantara ist eine wildromatische Schlucht, ca. 400 m lang, 5-8 m breit und bis zu 50 m hoch, die man bei Niedrigwasser mit Latzhose und daranhängenden Gummistiefeln durchwaten kann. Entstanden ist die Schlucht durch einen Vulkanausbruch ca. 2400 v. Chr.
Nach 122 Kilometern und 1764 Höhenmetern erreichen wir Giardini Naxos, einen hübschen Badeort unterhalb von Taormina. In einem kleinen Hotel direkt am Strand finden wir eine Bleibe. Nach dem Duschen haben wir erst einmal ein Bierchen verdient. Danach ist Zeit für die Passegiata. Der Ort ist am Samstagabend voller Leute. Nach der Stille und Einsamkeit im Landesinneren hat uns der Trubel wieder! Mit etwas Mühe finden wir einen freien Tisch zum Abendessen.
12. Tag (Tabelle) (Seitenanfang)
Bevor wir in Richtung
Catania starten, wollen wir noch Taormina ein Besuch abstatten.
Taormina ist die Touristenhochburg auf Sizilien. Wir lassen unser
Gepäck im Hotel und radeln nach Mazzaro. Von dort nehmen wir
die Seilbahn hinauf nach Taormina. Um 9 Uhr morgens sind in
Taormina schon einige Busse ausgekippt worden.
Der Berliner Landschaftsmaler schrieb 1863 den Kunstkritikern: "Kommt im Februar nach Sizilien, und wenn die Realität nicht meinen Bildern entspricht, werde ich euch die Fahrtkosten rückerstatten, und ihr werdet meine Gäste sein." Der Maler gewann die Wette, und die Kritiker nannten Taormina von diesem Zeitpunkt an einen "Zipfel des Paradies". Das war das Ende des beschaulichen, abgelegenen Bergdorfes, das nur auf einem Maultierpfad zu erreichen war. Schon 1874 wurde das erste Hotel eröffnet. Kaiser und Könige, Reiche und Schöne, Sterne und Möchtegerne trafen sich fortan in Taormina. Das mondäne Flair ist mittlerweile verschwunden, über 1 Million Übernachtungen im Jahr weist Taormina heutzutage auf.
Bereits in der Antike war Taormina bekannt. Wegen seiner strategisch günstigen Lage war es in griechischer und römischer Zeit heiß umkämpft. Kaiser Augustus machte sie zur Veteranenkolonnie. Unter den arabischen und normannischen Herrschen wurde die Stadt weiter ausgebaut. Unter den Spaniern geriet Taormina in Vergessenheit.
Auf der Flaniermeile Corso Umberto, gesäumt von Andenkenläden mit jedem erdenklichen Kitsch, sind die Japaner unterwegs. Japaner sind immer früh dran, mittags werden sie wahrscheinlich schon Rom besichtigen. Wir beeilen uns, zum griechischen Theater zu kommen, bevor die Schlangen vor den Kassen anwachsen. Der Eindruck im Theater ist schon phantastisch. Umrahmt von den Ruinen des Bühnengebäudes öffnet sich der Blick auf den schneebedeckten Gipfel des rauchenden Ätnas.
Auf
dem Rückweg fällt unser Blick auf das oberhalb Taorminas
liegende Felsennest Castelmola (529 m ü. NN).
Unsere Fahrräder haben uns wieder. Wir fahren an der kleinen Isola Bella vorbei, die, obschon millionenfach fotografiert, ihren Zauber nicht verloren hat. Im Hotel in Giardini Naxos laden wir unser Gepäck auf. Auf der SS114 bis Fiumefreddo herrscht starker Verkehr. Hier können wir dann auf eine wenig befahrene Straße in Richtung Cotone abbiegen. Direkt am Meer radeln wir weiter bis Torre Archirafi. Hier machen wir erst einmal ein Picknick. Wir haben Zeit, es liegen am heutigen letzten Tag der Sizilienrundfahrt nicht mehr allzu viele Kilometer vor uns.
Einen kräftigen, kurzen Anstieg müssen wir vor Acireale bewältigen. Wir haben den Hauptort der Riviera dei Ciclopi (Zyklopenküste) erreicht. Fast alle Ortsnamen beginnen hier mit der Vorsilbe "Aci", ein Verweis auf die Geschichte von Akis und Galathea. Der am Ätna hausende einäugige Zyklop Polyphem umwarb vergeblich die schöne Nymphe Galathea. Als diese sich in den Hirtenjungen Akis verliebte, raste Polyphem vor Eifersucht und erschlug Akis mit einem Lavabrocken. Die Götter hatten Mitleid mit dem sterbenden Akis und verwandelten ihn in einen Fluß, so daß die Liebenden wieder im Meer zusammen kamen. Eine schöne Schnulze von Ovid!
Bei Aci Trezza sind wir wieder fast auf Meereshöhe. Vor dem romatischen Fischerhafen liegen einige kleine Inseln, die durch vulkanische Aktivitäten des Ätna entstanden sind. Seit einigen Kilometer bemerken wir bereits die Nähe des Ätnas, alles ist hier mit einer feinen, schwarzen Staubschicht bedeckt.
Hinter Aci Castello befinden wir uns bereits im nahen Umkreis von Catania. Wir versuchen, im engen Straßengewirr der Großstadt unser Hotel "La Vecchia Palma" direkt anzusteuern, was uns dann auch einigermaßen gelingt.
Am Abend tummeln wir uns noch einmal im Zentrum von Catania.
Wir müssen früh aufstehen. Die Abflugszeit ist 07:30 Uhr. Für den Weg zum Flughafen benötigen wir ca. eine halbe Stunde. Zudem sind die Räder in den Transportsäcke zu verstauen. Es ist noch dunkel, als wir das Hotel verlassen. Wir nehmen den gleichen Weg wie bei der Ankunft.
An den
Abfertigungsterminals herrscht reger Betrieb. Die Schlangen davor sind lang.
Schnell erkennen wir das "Sizilianische Prinzip": auf jeden Flugreisenden
kommen mindestens noch drei Familienmitglieder, die ihn zum Flughafen begleiten.
So ist es verständlich, daß die Schlangen zügig abgearbeitet
werden können. Die Aufgabe der Fahrräder ist problemlos. Nachdem
wir all unser Gepäck los geworden sind, kaufen wir uns eine Kleinigkeit
zum Frühstück und warten auf den Abflug.
Eine allgemeine Bemerkung zur Mitnahme von Fahrrädern in Flugzeugen sei an dieser Stelle angebracht: Die Fluggesellschaften legen i. a. großen Wert darauf, daß die Luft aus den Fahrradreifen gelassen wird. Man ist der Meinung, daß während des Fluges die Schläuche wegen des Unterdrucks im Frachtraum wegen Überdrucks platzen könnten. Das mag auch hier und da vorgekommen sein. Eigene Aufzeichnung bei mehreren Flügen mit einem Höhenmesser im Gepäck haben gezeigt, daß der Luftdruck im Frachtraum unabhängig von der Flughöhe auf einen Wert sinkt, der im Mittel 1800 m ü. NN entspricht. Dies ist ohne Temperaturveränderung ein Druckabfall gegenüber NN von ca. 220 mbar = 0,22 bar. Wir haben auf diesem Flug den Druck in den Reifen, die normalerweise mit einem Betriebsdruck von 4,0 bis 4,5 bar gefahren werden, auf einen Druck von ca. 2 bar heruntergedrosselt, d. h. wir haben den Druck um 2 bis 2,5 bar verringert, also um den 10fachen Wert des zu erwartenden Luftdruckabfalls. Somit besteht keinerlei Gefahr für unsere Schläuche. Das erschien einigen subalternen Frachtmitarbeitern der Airline immer noch zu hoch. Im von Passagieren nicht einzusehenden Gepäckabfertigungsbereich wurden unsere Transportsäcke am Hinterrad aufgeschlitzt, um die Luft gänzlich aus den Reifen zu lassen. Auf den Fracht-Batches wurden wir darüber hinaus noch mit »STRONZI« und »A MERDE« beschimpft (s. Abbildung). Auf eine Übersetzung wird hier verzichtet, damit dieser Bericht in Internet nicht als jugendgefährdend eingestuft wird.
Wir versichern uns vor dem Flugzeug, daß unsere Räder auch wirklich verladen werden. Dann starten wir in Richtung Rom. Nach einem dreistündigen Aufenthalt dort fliegen wir weiter nach München. In der Gepäckhalle werden uns unsere Räder gebracht, wir können sie vor dem übrigen Gepäck in Empfang nehmen. Am Sonntagnachmittag ist die Fahrt mit Rädern in der S-Bahn kein Problem, nach einer halben Stunde sind wir am Ostbahnhof und zwanzig Minuten später wieder in unserer Wohnung.
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| Stand: 15. September 2009 |
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